Gesundheit : Umweltkatastrophe: Eine Arche Noah im Pazifik

Matthias Glaubrecht

"Der Louvre brennt" - dieses Schreckgespenst eines katastrophalen Verlustes einmaliger Kunstschätze der Menschheit würde bei uns zweifelsohne kollektives Entsetzen bewirken. Eine ähnliche Katastrophe für die Tierwelt und Albtraum für Biologen könnte jener Ölteppich werden, der die Galapagos-Inseln 1000 Kilometer vor der Küste Ecuadors bedroht. Denn er könnte einem einmaligen und höchst empfindlichen Ökosystem den Garaus machen.

Ozeanische Inseln zählen - ebenso wie große und alte Seen sowie isolierte Bergplateaus - zu den Werkstätten der Evolution. Sie sind gleichsam Mikrokosmen der Biodiversität, jener Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, deren Entstehungsprozesse noch immer zu den großen ungelösten Fragen der Biologie gehören. Weit abgeschieden von anderen Lebensräumen und oft geschützt vor der Konkurrenz anderer Arten hat sich auf Inseln wie Galapagos eine eigene Tier- und Pflanzenwelt entwickelt.

Dabei sind die Lebensbedingungen auf diesem Archipel dicht unter dem Äquator alles andere als paradiesisch. Die Inseln sind vulkanischen Ursprungs und vor zwei bis fünf Millionen Jahren durch aus dem Erdinneren hervorquellendes Magma über den Meeresspiegel aufgestiegen. Das Klima ist trocken und heiß, die Inseln sind meist unwirtliche Halbwüsten. Dank der oft nur geringen Niederschläge überleben in den flacheren Küstenregionen allenfalls Trockenheit liebende Sukkulenten und Kakteen.

Nur in höheren Lagen, wo an den Hängen der Vulkankegel tropischer Regen niedergeht, gedeiht eine üppige Vegetation. Und dennoch ist der Inselarchipel eine besondere Welt für sich, die sich von der Flora und Fauna des Festlandes deutlich unterscheidet. Die meisten der auf Galapagos lebenden Arten kommen nur dort vor. Für viele der zufällig in den Pazifik hinausverdrifteten Tiere boten die rund ein Dutzend Inseln eine Arche Noah.

Der Name der Schildkröte

Dank der Vielfalt ökologischer Bedingungen hatten diese glücklich Gestrandeten die Möglichkeit zur Entfaltung zahlreicher, einmaliger Arten - und machten den Archipel zugleich zu einer neuen Schatzkammer der Natur. So gibt es dort mit den Riesenschildkröten die größten lebenden Landreptilien, denen die Inseln übrigens auch ihren spanischen Namen verdanken.

Derartige Kolosse finden sich nur noch auf einem zweiten Inselarchipel, den Seychellen. Warum ausgerechnet jeweils auf winzig kleinen ozeanischen Inseln und Atollen die größten Reptilien überlebt haben, zählt für Zoologen noch immer zu den ungelösten Geheimnissen der Natur. Zudem weist beinahe jede Galapagos-Insel ihre eigene Schildkröten-Form auf. Eine ähnliche Vielfalt gibt es auch bei anderen Tierarten des Archipels, so etwa bei Spottdrosseln, Eidechsen und Landschnecken.

Besonders spektakulär ist aber der Artenschwarm der 13 sperlingsgroßen Darwin-Finken. Hier hat die Natur sich als einfallsreiche Designerin betätigt und bei jeder Finkenart eine eigene Schnabelform kreiert, die sie jeweils andere Nahrung nutzen lässt und so die Konkurrenz der nächsten Verwandten vermeiden hilft. Derartige lokale Unterschiede führten Evolutionsbiologen zu der Überzeugung, dass Arten keine einmaligen Schöpfungen sind, sondern durch natürliche Auslesekrafte und Veränderungen entstandene Populationen.

Neben den tierischen Highlights an Land machen auch die Meerestiere dank ihrer Mischung aus tropischen und antarktischen Formen die Galapagos-Inseln zu einem Schaufenster der Evolution. Viele von ihnen verdanken ihre Existenz dem kalten Humboldt-Strom, der nicht nur das Klima des Archipels bestimmt, sondern auch zum einmaligen Arteninventar beiträgt. Dazu zählen flugunfähige Kormorane neben anderen großen Seevögeln wie Albatros, Fregattvogel und Tölpel, sowie die nördlichsten Pinguine der Welt, aber auch Pelikane, Flamingos, Pelzrobben und Seelöwen.

Sie alle hängen ebenso von Leben im Meer ab wie die eigenartigen Meeresechsen. Diese Leguanverwandten stammen von mittel- und südamerikanischen Echsen ab, die einst zufällig auf die Inseln gelangten. An Land fanden diese vegetarischen Reptilien, vielleicht auch durch die Konkurrenz der dort lebenden Drusenkopf genannten Landleguane, offenbar nicht ausreichend Nahrung, so dass sie sich im Verlauf ihrer Evolution Meeresalgen als neue Futterquelle erschlossen, die sie unter Wasser tauchend und grasend nutzen.

Natur bei der Arbeit

Das Inselreich Galapagos ist indes nicht nur Arche Noah der Tiere. Seit der britische Naturforscher Charles Darwin dort während seiner Weltreise mit dem Forschungsschiff Beagle im September 1835 Station machte, ist der Archipel ein Mekka der Evolutionsforscher. Für sie sind solche Insel-Lebensräume ideale Freiland-Laboratorien. Denn wie unter einem Brennglas lässt sich hier die Natur bei der Arbeit, dem ständigen Spiel von Auslese und Anpassung, belauschen.

Zu den Legenden der Wissenschaft freilich zählt, dass bereits Darwin die Inselgruppe im Pazifik durch seine Theorie bekannt machte. So wichtig die Erforschung von Inseln heute für die moderne Evolutionstheorie ist, so sehr mangelte es Darwin einst noch an den Detailkenntnissen über die einmalige Tier- und Pflanzenwelt. Ihm entging beispielsweise, dass sich viele der von ihm beobachteten Arten auf Galapagos nicht nur von den Formen des Festlandes unterscheiden, sondern sogar jeweils von Insel zu Insel abweichen.

Erst nachdem sich der britische Biologe David Lack vor dem Zweiten Weltkrieg intensiv vor allem mit den Darwinfinken auf Galapagos beschäftigt hatte, entdeckten immer mehr Biologen die besondere Bedeutung des abgelegenen Archipels. In den 1950er Jahren unternahmen der Meeresforscher Hans Hass zusammen mit dem Verhaltensforscher und Lorenz-Schuler Iräneus Eibl-Eibesfeldt Expeditionen zu den Galapagos-Inseln. Ihnen folgten ganze Heerscharen von Zoologen, um den Geheimnissen über den Artenwandel auf Galapagos nachzuspüren, die Darwin allenfalls geahnt hat.

Als Weltnaturerbe eingestuft

Diese Forschungen machten das Naturparadies inzwischen weltweit einer breiten Öffentlichkeit bekannt; sie ermöglichten auch die Aufnahme Galapagos in die Liste der besonders schutzwürdigen Regionen als Weltnaturerbe. Aber die Gefahren sind vielfältig. Anfangs bedrohten eingeschleppte Ratten und Haustiere die Tierwelt, vor allem die bodenbrütenden Vogel; verwilderte Ziegen und Schweine setzen der empfindlichen Vegetation zu. Zuletzt war es erst vor wenigen Wochen erneut zu einem heftigen Streit zwischen ecuadorianischen Fischern und Umweltschützern auf Galapagos gekommen. Hintergrund ist, dass immer mehr zugewanderte Fischer in das geschützte Meeresreservat um Galapagos drängen.

Ungleich drastischer führt der sich jetzt ausbreitende Ölteppich vor, wie fragil das Ökosystem der Inseln ist und wie schnell dieser einmalige Lebensraum zerstört sein kann. Angesichts der vielfältigen Gefahren, die dem "Louvre der Naturkunde" drohen, bleibt die Zukunft Galapagos ungewiss. Nun gibt es ja noch den Prado oder die Neue Nationalgalerie, mag mancher kunstbewanderte Natur-Banause denken. Stimmt - doch auf Galapagos wäre eben die Mona Lisa der Biologie vernichtet.

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