Gesundheit : Unabomber als Symbolfigur: Die Zähmung der Bestie - Amerikas Technikkritik zwischen Terror und Tugend

Gregor Dotzauer

Der bloße Augenschein verriet nichts über die Brisanz der Ladung. Wer Anfang Dezember 1997 auf den Interstate Highways zwischen Montana und Kalifornien unterwegs war, sah auf dem Truck, den Bill Sprout nach Sacramento lenkte, nur ein in Plastikplanen eingeschlagenes Blockhaus. Wie hätte man auch wissen können, dass es sich um Theodore Kaczynskis einsiedlerischen think tank aus den Bergen von Montana handelte der im Prozess gegen ihn, den gefährlichsten Terroristen Amerikas, der Verteidigung als Beweismittel dienen sollte. Die selbst gebaute Hütte war das Planungszentrum, in dem Kaczynski davon träumte, die USA in ein Zeitalter der technischen Unschuld zurückzubomben. Der Unabomber, wie man ihn nannte, weil er seine Opfer vor allem in Universitäten und bei Airlines suchte, hatte fast zwei Jahrzehnte lang per Post sechzehn Mal Sprengstoff an Computerexperten und Naturwissenschaftler verschickt, drei Menschen getötet und 23 verletzt - bis sein Bruder David in einem Manifest wider den industriellen Fortschritt, dessen Abdruck der damals noch anonyme Täter in den größten Zeitungen des Landes erzwungen hatte, Theodores Ideen erkannte.

Das Urteil lautete auf viermal lebenslänglich ohne Bewährung. Kaczynski, den die Anklage zum Geisteskranken stempeln wollte, übernahm die Verantwortung, bekannte sich schuldig und entging auch so der Todesstrafe. Amerika beschäftigt er noch immer. Denn abgesehen davon, dass er im Gefängnis seine Autobiografie geschrieben hat und es einen Kinofilm über ihn geben soll, schießen in in ihm die widersprüchlichsten Züge von amerikanischer Technologiekritik, Zivilisationsabscheu und wilderness-Religion zusammen. Kaczynski mag ein Verbrecher mit psychotischem Charakter sein, aber er ist eben zugleich ein ehemaliger Mathematikprofessor und Harvard-Absolvent mit einem Intelligenzquotienten von 170, ein mad scientist, und sein Manifest besitzt eine analytische Klarheit, die bei der libertären Linken auf breite Zustimmung stieß. Es gab niemanden, der - wenn auch mit Schaudern - behaupten wollte, man könne einige von Kaczynskis Thesen nicht ernsthaft diskutieren.

Erst unlängst berief ihn der Computerexperte Bill Joy in einem "Wired"-Artikel, der über einen Nachdruck in der FAZ auch in Deutschland Wellen schlug, zum Zeugen einer apokalyptischen Vision, in der er die Verdrängung des menschlichen Geschlechts durch den Roboter prophezeite. Und im Juniheft der Zeitschrift "Atlantic Monthly" beschreibt Kaczynskis früherer Kommilitone Alston Chase in einem spannenden Aufsatz unter dem Titel "Harvard and the Making of the Unabomber", wie die Eliteuniversität mit ihrer stur positivistischen Ausrichtung (und persönlichkeitszerstörenden Experimenten) in den fünfziger Jahren den Wahnsinn ihres Schülers mit ausgebrütet haben könnte.

Der Unabomber ist eine Symbolfigur, in der rationale und irrationale Motive der amerikanischen Wissenschafts-, Technologie- und Vernunftkritik kulminieren - der radikale Endpunkt eines Denkens, das über die Bücher von Lewis Mumford ("Mythos der Maschine") oder Paul Goodman ("Growing Up Absurd - Aufwachsen im Widerspruch: Über die Entfremdung der Jugend in der verwalteten Welt") bis hin zu Paul Feyerabend ("Erkenntnis für freie Menschen") die ökologische Bewegung mit Argumenten ausstattete.

Ein Leben in den Wäldern

Rund 150 Jahre vor dem Unabomber, vom Juli 1845 bis zum September 1847, hätte man in einem Waldstück unweit von Concord, Massachusetts, einen anderen berühmten Einsiedler in einer selbst gebauten Hütte treffen können. Mit seinen literarisch hinreißenden Aufzeichnungen "Walden, or Life in the Woods" (Deutsch u.a. bei dtv), einem Plädoyer für das einfache Leben, wurde Henry David Thoreau zum Vater der modernen Zivilisationskritik. Es liegt nicht an ihm, dass er bis heute in einem zentralen Punkt gerne missverstanden wird. Denn er war vor allem ein Gegner der Arbeitsgesellschaft, die Menschen von ihrer eigentlichen Berufung abhält: dem Nachdenken und der Beobachtung der Natur. Die Vorstellung, dass gerade Technik zeitliche Entlastung von der täglichen Plackerei schaffen könnte, war ihm fremd. "Wer einen Beruf ergreift, ist verloren", notierte Thoreau in sein Tagebuch. in "Walden" kann man lesen, unter welchen Mühen er sich mit seinem ungedüngten Bohnenacker als Ökobauer versuchte.

Thoreau ist auch deswegen ein Fixpunkt, weil er mit seinem Essay über "Civil Disobedience" (Deutsch bei Diogenes) den Begriff des zivilen Ungehorsams prägte, der auch im Kampf gegen die Atomkraft entscheidend war. Für die reflektierteren Köpfe in dieser zum Teil rein emotional geführten Auseinandersetzung ging es dabei nicht um eine grundsätzliche Technikfeindschaft. Es ging darum, die politischen Grenzen großtechnischer Unternehmungen zu bestimmen, den Moment, in dem sie unregierbar werden, obwohl der Staat sie subventioniert hat. Darum geht es noch heute bei der Biotechnologie - und um das, was das menschliche Maß sein soll. Ohne die Revision eines Menschenbildes, das sich schon lange nicht mehr auf göttliche Ordnungen verlassen kann, ist das nicht zu haben.

Zivilisationskritik wird - und muss - es geben, solange die Technisierung der Welt fortschreitet. So lange wird man auch dem Begriff Entfremdung einen Sinn verleihen können, selbst wenn man ihn nicht auf etwas Authentisches bezieht, das sich nicht benennen lässt. Man muss nur ein Bewusstsein des Weges entwickeln, den man in einer bestimmten Zeit von A nach B zurücklegt. Kritik, sagt der in Princeton lehrende Philosoph Michael Walzer in seinem Essay "Kritik und Gemeinsinn", ist dann am stärksten, wenn sie nicht einen abstrakten moralischen Standpunkt einnimmt, sondern die Gemeinschaft an Werte erinnert, die in ihr nur vergessen oder verleugnet worden sind. Alles andere ist Fundamentalismus. Der Unabomber zeigt: Im schlimmsten Fall führt es zum Terrorismus.

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