Gesundheit : "UnAufgefordert" von der Humboldt-Uni

Lennart Paul

Versammelt die Berliner Mitte die aktivsten Studenten? Zumindest die schreibwütigsten. An Unizeitungen jedenfalls hat die Humboldt-Universität keinen Mangel. Neben der "Humboldt", der offiziellen Unizeitung der Universitätsverwaltung, existieren um die zehn Fachschaftszeitungen. Meist sind es die großen Fachbereiche wie die Germanistik und die Rechtswissenschaft, die solche Zeitungen stemmen. Der RefRat, die studentische Selbstverwaltung an der Humboldt-Uni, hat seit rund zwei Jahren eine eigene Zeitung: "HUch!" heißt sie und soll die politische Arbeit des RefRats widerspiegeln. 3000 Stück bringen die 13 Mitarbeiter monatlich unter die Studentenschaft, im DIN A3-Format, damit die Zeitung sich deutlich von Publikationen wie "Unicum" abhebt.

Das Schmuckstück des HU-Journalismus ist aber die "UnAufgefordert". Groß steht es auf der Titelseite des letzten Heftes: 11. Jahrgang. Auf diese Zahl sind die Mitarbeiter der "Studentinnen- und Studentenzeitung der Humboldt-Universität" recht stolz. Schließlich gehen die meisten Unizeitungen nach einigen Ausgaben wieder ein. "UnAufgefordert" aber ist inzwischen ein Stück Hochschulgeschichte. Die Zeitung erschien zum ersten Mal am 17. November 1989, als überall in Berlin die Mauerspechte hämmerten und das Brandenburger Tor noch verschlossen war. Da wollten auch die Humboldt-Studenten nicht länger schweigen. "Die Humboldt-Universität war ja eher eine Kaderschmiede", befindet der 22-jährige Geschichtsstudent Martin Raasch, der heute das Layout beim "UnAufgefordert gestaltet: "Da kam nicht so viel von den Studenten. Mit der 1. Ausgabe meldeten sie sich dann endlich zu Wort." Die Zeitung hieß damals "Namenlos", und die Leser wurden aufgefordert, einen Titel zu suchen. Doch es kamen keine Reaktionen. Da beschloss die Redaktion, unaufgefordert weiterzumachen. Der neue Name war geboren. So zumindest wurde es den heutigen Machern überliefert.

Von den neuen Freiheiten angestachelt, legten sie jetzt richtig los. Alte Eliten wurden thematisiert (Was wurde aus den VVV - den "Verdienten Verhetzern des Volkes"?) und neue Wege. Auch nach der Wiedervereinigung blieb die Grundeinstellung kritisch-kämpferisch, von der ehemaligen HU-Präsidentin Marlis Dürkop bis zum Studentenparlament bekamen alle mehrfach ihr Fett weg. Nicht allein ihre Geschichte macht die "UnAufgefordert" zu etwas Besonderem - auch das häufige Erscheinen zeichnet sie aus. Jeden Monat machen sich die Schreiber und Redakteure aufs Neue Druck, eine Ausgabe zu Stande zu bringen. Aber es ist nicht nur Ehrgeiz, der Kontinuität schafft. Die Macher wissen: Zieht erst einmal Unregelmäßigkeit ein, könnte das Ende nah sein. Da nimmt man es lieber in Kauf, jeden Monat eine Woche nur für die Zeitung ranzuklotzen. Zwar sind im Impressum zurzeit 27 Mitarbeiter aufgeführt. "Aber es sind doch nur rund zehn Leute, die sich stark engagieren", sagt Martin Raasch.

Im Raum 3022 im Hauptgebäude der HU befindet sich das Büro der Redaktion. An den Wänden hängen die Titelbilder der Ausgaben fast vollständig. Sie zeigen den Machern, mit welchen simplen Tricks Auflage zu machen ist: "Die Hefte mit neonfarbenen Titelbildern gingen am besten", erzählt Martin Raasch. Auf dem zweiten Platz folgen provokante Aufmacher. Hitler war 1997 auf dem Heft abgebildet, über seinem Bild stand ein Zitat aus Brechts "Kriegsfibel": "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Manche Leser fanden das geschmacklos, aber immerhin nahmen sie sich eins der Hefte nach Hause, die in einer Auflage von 5000 in 15 Gebäuden der Universität umsonst ausliegen. An diesem Tag ist der zuverlässige Kern der Mitarbeiter in der Redaktion versammelt. Dicht an dicht sitzen sie in dem kleinen Zimmer, entwerfen Layouts und kämpfen sich durch Manuskripte. Besonders eng wird es immer kurz vor Beginn jedes Semesters. Dann muss nicht nur die erste Ausgabe der Zeitung fabriziert werden, sondern auch der Studienführer "Rettungsring". Ein richtiges Buch ist da mit der Zeit herangewachsen: Mehr als 200 Seiten hatte der Studienführer zuletzt, er informiert vom A-Capella-Studentenchor bis zur Zentralen Universitätsverwaltung über alles, was Studenten in Berlin betrifft.

Während der Studienführer eindeutig Service-Charakter hat, wechselt beim "UnAufgefordert" die Themenmischung von Heft zu Heft. Zwei unterschiedliche Konzepte sind zu sehen, von denen je nach Angebot und Vorliebe der Blattmacher eines überwiegt: Soll "Unaufgefordert" nur studentische Themen berücksichtigen, die sich vor allem mit der HU beschäftigen, oder soll alles im Heft sein, was Studenten interessieren könnte, bis hin zu Kritiken Berliner Opernpremieren? Grundsätzlich ist jedoch erlaubt, was gefällt. Mit einer Ausnahme: "Deutsch-national angehauchte Themen werden abgelehnt", sagt die 28-jährige Physikstudentin Jana Schütze. Aber in den vergangenen Jahren sei nur ein solcher Artikel angeboten worden. "Und manchmal gibt es Leute, die bei uns ihre Hausarbeit beinahe ungekürzt abdrucken lassen wollen", sagt Martin Raasch. Zu Beginn jedes Semesters wird ein weiterer Schritt zum Überleben der Zeitung getan: Dann wirbt das UnAufgefordert-Team um Nachwuchsjournalisten.Telefon: 2093-2288. Demnächst werden die Zeitungen der Kunsthochschulen und der beiden anderen Universitäten vorgestellt.

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