Gesundheit : Und bist du nicht willig

Wissenschaftler warnen vor „Festhaltetherapie“. Dennoch ist diese Methode bei Kinderärzten beliebt

Adelheid Müller-Lissner

„Bis die Liebe wieder fließt“ sollen Mutter oder Vater das schwierige Kind festhalten. Das klingt zunächst gar nicht schlecht. Leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der es oft an Körperkontakt fehlt? Die „Festhaltetherapie“ ist eine Behandlung, bei der Kinder ausführlich in die Arme genommen werden. Oft bis zu sechs Stunden lang. Theoretisch geht es dabei um Liebe, um Bindung und Geborgenheit. Praktisch aber, so meinen Kritiker, wird Gewalt gegen Kinder ausgeübt. Denn die werden auch gegen ihren Willen und mit der Kraft des körperlich Überlegenen umklammert.

Der „Berliner Arbeitskreis für Beziehungsanalyse“ hat, auch in Zusammenarbeit mit verschiedenen Uni-Instituten, der Gewalt in Kinder-Therapien nun eine eigene Fachtagung gewidmet. „Das ist aus der Praxis heraus erwachsen, weil wir immer wieder Patienten sehen, die durch diese Therapien traumatisiert wurden“, sagte die Psychotherapeutin Ute Benz.

Es gehöre zu den ethischen Pflichten von Kindertherapeuten, Formen der Gewalt gegen Kinder in Therapien zu erkennen und öffentlich darüber zu sprechen. Solche Gewalt sieht sie in der Festhaltetherapie: „Das Verfahren ist mit demokratischen, wissenschaftlichen und psychotherapeutischen Grundsätzen nicht vereinbar.“ Unter dem Deckmantel familiärer Liebe und pädagogischer Interessen werde physische Gewalt gerechtfertigt. „Die Therapie ist nicht überprüft, ihr Nutzen nicht erwiesen und es handelt sich schlicht um Gewaltanwendung", urteilt die Kinderpsychiaterin Ulrike Lehmkuhl von der Charité.

Die aus Tschechien stammende Psychologin Jirina Prekop propagiert das „Festhalten“ für die Behandlung schwieriger, „herrschsüchtiger“, hyperaktiver und autistischer Kinder. Sie legte ihr Konzept, das auf dem „forced holding“ der amerikanischen Kinderpsychiaterin Martha Welch basiert, Eltern, Therapeuten und Erziehern in Bestsellern wie „Der kleine Tyrann“ (1998) oder „Hättest du mich festgehalten“ (1999) ans Herz.

In der Standardhaltung sitzt das Kind dabei rittlings auf dem Schoß der erwachsenen Bezugsperson, die Arme vor dem Bauch verschränkt. Dann wird es – auch stundenlang – fest umklammert. Größere und stärkere Kinder liegen mit dem Rücken auf dem Boden, der Erwachsene setzt sich auf sie und drückt sie mit seinem Körpergewicht zu Boden.

„Wie Ringkämpfer“ seien Eltern und Kinder oft stundenlang ineinander verschlungen, sagt Ute Benz. Sich-Sträuben und Schreien der Kinder gelten als Ausdruck psychischer Blockierung. Auf dringende Bedürfnisse kann keine Rücksicht genommen werden, notfalls uriniert das Kind während der Umklammerung. Erst wenn es Blickkontakt aufnimmt und den Widerstand aufgibt, wird sie aufgelöst. Die Kritik an der Therapie ist nicht neu. Doch das „Festhalten“ wird nach wie vor von Kinderärzten und Ergotherapeuten empfohlen und von Eltern auf ihren Rat hin angewandt. Eine Gratwanderung.

Lin Burian, Leiterin des Jirina-Prekop-Instituts in Wien, verteidigt die Festhaltetherapie: „Keinesfalls darf das Recht des Stärkeren gelten, und es darf keine körperliche oder sprachliche Gewalt angewendet werden.“ Sie kann aber nicht ausschließen, dass jemand die Therapie „als Erziehungs- und Druckmittel missversteht“.

„Solange die Kinder das als liebesvolles Gehaltenwerden wahrnehmen, ist es unproblematisch“, sagt der Kinderpsychiater Wilhelm Rotthaus, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie. „Es gibt schließlich Situationen, in denen Eltern ihre Kinder festhalten, um sie vor Schlimmerem zu bewahren.“

Rotthaus unterscheidet jedoch zwischen dem Rat, ein außer sich geratenes kleineres Kind eine Weile auf dem Schoß festzuhalten, und stundenlangen, gewaltsamen Sitzungen, vor allem mit älteren Kindern. „Ich persönlich wurde damit durch Patienten zwischen vier und 21 Jahren und durch ihre Eltern konfrontiert, die alle durch die Behandlung traumatisiert waren“, sagt Ute Benz.

Auf der Tagung stellte sie auch Patientenschicksale vor. Da ist die 7-Jährige, die vor ihrer Einschulung drei Jahre lang von ihrer Mutter regelmäßig „festgehalten“ wurde, auf Anraten und unter Anleitung des Kinderarztes. Weil das für das „Festhalten“ nun zu große Mädchen die Eltern regelmäßig zum Äußersten treibe, in der Schule isoliert sei und mehrfach von zu Hause habe weglaufen wollen, suchten sie psychotherapeutischen Rat.

Oder eine Studentin, die wegen akuter Probleme Hilfe bei Benz suchte und sich während der Therapie unter Qualen daran erinnerte, als 12-Jährige regelmäßig von den Eltern auf den Boden gezwungen worden zu sein. In anderen Familien leiden die Eltern unter dem inneren Zwiespalt und unter Schuldgefühlen, weil sie sich selbst Gewalt angetan und die Therapie gegen ihre Überzeugung vollzogen haben. Oder ein Vater lastet es seiner Frau an, mit dem Arzt „paktiert“ und die Methode willig praktiziert zu haben.

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