Gesundheit : „Ungeheuer viel Therapiebedarf“

20 Jahre gegen Judenfeindschaft: Gespräch mit Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Forschung

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Herr Benz, wozu braucht Deutschland ein Zentrum für AntisemitismusForschung?

Dieses Zentrum ist weltweit einmalig. Die Notwendigkeit von Antisemitismus-Forschung muss man, wenn man die Nachrichten verfolgt, nicht betonen.

Wie antisemitisch sind die Deutschen heute – auch im Vergleich zu der großen Umfrage, die das Zentrum 1987 machte?

Da hat sich nicht viel geändert. Nach einem langfristigen Trend ist Antisemitismus von den messbaren Einstellungen her einigermaßen konstant, sogar mit einer leicht abnehmenden Tendenz.

Wann ist jemand ein Antisemit?

Das sind die uralten Stereotypen, dass Juden besonders geschäftstüchtig, besonders an Geld interessiert seien und das Finanzwesen dieser Welt kontrollierten, zu viel Einfluss auf die Medien und die Kultur hätten. Ungefähr 20 Prozent der Deutschen haben eine dieser Einstellungen in ihrem Weltbild. Da besteht ungeheuer viel Aufklärungs- und auch Therapiebedarf in der Gesellschaft.

Antijüdische Ressentiments werden nach Möllemanns Kampagne gegen Israel und Michel Friedman wieder ungenierter ausgesprochen.

Das sah vorübergehend so aus. Aber das Entscheidende ist das schlechte Wahlergebnis der FDP. Die politischen und gesellschaftlichen Eliten haben während dieser ganzen Debatte einmütig die Dämme gehalten. Diese infame Strategie, aus einer demokratischen Partei der Mitte heraus das Angebot an Rechtsaußen zu machen, hat nicht funktioniert. Wenn in der Aufregung des Tages die Werte ansteigen, sollte das kein Grund für Alarmgeschrei sein. 20 Prozent sind schlimm genug, und das unter Kontrolle zu halten, ist Aufgabe und Arbeit genug.

Führen Sie weiterhin Umfragen durch?

Wir sind im Hintergrund fast immer dabei, wenn ein seriöses Meinungsforschungsinstitut sich mit Umfragen zum Antisemitismus beschäftigt. Für eine eigene Umfrage fehlen uns leider die Mittel. Als ich 1990 hier die Leitung übernahm, wollte ich unbedingt eine Umfrage gegenüber der Bevölkerung der gerade noch existierenden DDR starten. Ich habe allen möglichen Regierungsstellen und Geldgebern klar zu machen versucht, dass das eine einmalige Chance ist, jetzt noch das Vergleichsmaterial zu dem zu bekommen, was seit 1945 in der alten Bundesrepublik immer wieder aufs Neue gemessen wurde. Aber niemand wollte dafür Geld geben.

In den 90er Jahren hat das Zentrum sein Profil ausgeweitet. Es geht jetzt auch um verfolgte Minderheiten in Kolonialstaaten, etwa um Indianer in Bolivien. Was hat das mit Antisemitismusforschung zu tun?

Ich habe das ganz bewusst herbeigeführt. Ohne die Bedeutung von Judenfeindschaft klein reden zu wollen, wäre es sträflich, diese Chance nicht wahrzunehmen: Mit dem ganzen Instrumentarium, das anhand des ältesten sozialen Vorurteils, der Judenfeindschaft, entwickelt wurde, auch die Probleme anderer Minderheiten zu untersuchen. Deshalb beschäftigten wir uns mit Indianern und auch mit Sinti und Roma. Wir wollen Rat geben können gegen das Verdrängen gesellschaftlicher Probleme.

Beschäftigen Sie sich auch mit den Palästinensern in Israel, oder ist das ein Tabu-Thema?

Das ist selbstverständlich kein Tabu-Thema. Wir waren die ersten, die vor zwei Jahren einen Kongress mit Palästinensern, Israelis und anderen Gelehrten veranstaltet haben, um miteinander über die Entstehung des Nahostkonfliktes zu reden.

Und, gab es da einen Konsens?

Wissenschaft ist eine langwierige Angelegenheit, aber wir haben einen Grundstein zu einem Dialog gelegt und wollen daran weiterarbeiten. Wir überlassen es den Politikern, nach schwierigen Konferenzen nach vorne zu treten und zu sagen: Wir haben wunderbare Ergebnisse erzielt.

Wie viel Antisemitismus-Forschung wird am Zentrum überhaupt noch betrieben?

Wir treiben 100 Prozent Antisemitismusforschung, mindestens 70 Prozent beziehen sich auf die Feindschaft gegenüber Juden.

Aber in der Dokumentation zur Rettung von Juden in der NS-Zeit, ein Großprojekt seit 1997, geht es um Philosemiten.

Das ist ein großes Missverständnis. Dieses Projekt hat die Interaktion von Juden und Nichtjuden während des Holocaust zum Gegenstand. Das nur unter philanthropischen Gesichtspunkten zu sehen, geht in die Irre. Ein großer Teil der Rettungen ist keineswegs aus edlen Motiven erfolgt. Vielfach wurden die geretteten Juden ausgeplündert und es waren oft gar keine Gutmenschen, die Juden versteckt haben. Was kostete ein falscher Pass für einen Juden, wer verdiente daran? Solche Fragen nicht als Teil der Antisemitismus- und Holocaust-Forschung zu verstehen, hieße, der Mär von den guten Menschen aufgesessen zu sein.

Trotzdem, das Projekt hat etwas Versöhnliches für die deutsche Gesellschaft: Nicht alle waren Antisemiten. Das Positive überwiegt – und das ist gut so, oder?

In unserer Datenbank sind 3000 Rettungsfälle verzeichnet, einschließlich der zahlreichen Fälle, in denen Habgier im Spiel war. Dem gegenüber stehen sechs Millionen ermordeter Juden. Unsere Arbeit als Schönreden zu verstehen, ist da undenkbar. Aber es gibt natürlich Leute, die unsere Datenbank missbrauchen wollen, um zu zeigen, dass der Deutsche eigentlich ein guter Mensch war, der kein anderes Bedürfnis hatte als Juden zu retten. Es wird im nächsten Jahr ein neues Projekt geben: Wie viel wussten die Deutschen vom Holocaust?

Publizieren Sie auch Belege von finanzieller und sexueller Ausbeutung der Geretteten? In der Jüdischen Gemeinde wird kritisiert, dass dies verschwiegen werde.

Das stimmt nicht. In meiner letzten Publikation beschreibe ich den Fall einer Jüdin, die in Pfarrhäusern 16 Stunden täglich flicken, stopfen, Kinder hüten musste. Die bekam außerdem von der Pfarrfrau, einer bigotten Antisemitin, täglich eine Stunde christliche Erziehung. Man erwartete, dass sie sich zum Dank für die Rettung taufen lässt.

Eines der jüngsten Projekte des Zentrums ist die Dokumentation von Schändungen jüdischer Friedhöfe seit dem 19. Jahrhundert. Gibt es erste Ergebnisse?

Da gibt es gar keine Ergebnisse. Dieses Projekt mag niemand finanzieren. Wir beobachten übers Internet die Zeitungen in der Provinz, was an Friedhofsschändungen passiert. Aber um eine Datenbank aufzubauen und Motivforschung zu betreiben, brauchen wir eine geförderte Stelle. Es ist eine der bittersten Enttäuschungen der letzten Jahre, dass dieses brennende Problem der Antisemitismusforschung, der Umgang mit jüdischen Friedhöfen, die zunehmenden Schändungen und die abnehmenden Aufklärungsquoten, niemanden interessieren.

Wie kann man Heranwachsende gegen Antisemitismus immunisieren – in einer Zeit, in der viele Deutsche des „ewigen Mahnens“ überdrüssig sind?

Indem man das ewige Mahnen lässt. Indem man den Schülern klar macht: Es gibt hier einen schwierigen Lernstoff, ihr habt aber ein Recht darauf, das zu erfahren und ich habe die Pflicht, euch das auf vernünftige Weise beizubringen. Der Lehrer muss sagen: Unser Unterrichtsgegenstand ist der Mord an unschuldigen Juden. Das ist Bestandteil unseres Erbes. Ihr müsst darüber Bescheid wissen, um argumentieren zu können gegenüber anderen. Wenn aber der Lehrer schon mit einer Leidensmiene zur Tür hereinkommt und sagt: Heute müssen wir uns erstmal schämen, ist alles verloren. Schüler dürfen nicht missbraucht werden zur Trauerarbeit, die ihre Großväter hätten leisten sollen.

Das Gespräch führte Amory Burchard

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