Gesundheit : „Unglaubliche Anmaßung“ Wie die neue Leitung

der Freien Universität sparen will

Anja Kühne

Wie soll die Freie Universität Berlin mit den immer neuen gewaltigen Sparsummen umgehen, die die Politiker vorschlagen? Bei der Anhörung der beiden Kandidaten für das Amt des Ersten Vizepräsidenten und des Präsidenten, die im Juni neu gewählt werden sollen, präsentierten sich Klaus Hempfer und Dieter Lenzen als ein komplementäres Leitungsteam: Es will den Berliner Politikern mit einer Doppelstrategie begegnen. Lenzen tritt als pragmatischer Macher auf. Er pocht den Politikern gegenüber auf den Nutzen der FU – auch auf den ökonomischen. Dazu gehört etwa der Bereich der Biotechnologie, die Einnahmechancen auf dem Weiterbildungssektor oder die hohe Zahl von FU-Absolventen, die sich später selbstständig macht.

Hempfer zeigte sich demgegenüber als scharfzüngiger Verfechter des traditionellen Bildungsauftrags der Universität. Er will den Politikern klar machen, „dass das scheinbar Überflüssige notwendig ist“: „Wenn wir uns zu sehr auf Verwertungsargumente einlassen, kommen wir in Schwierigkeiten. Dann analysieren wir in den Literaturwissenschaften nur noch Gebrauchstexte“, sagte Hempfer. Auch jenseits des ökonomischen Bedarfs habe die Universität eine zentrale Bedeutung: „Niemand stirbt, wenn man die Ägyptologie einstellt. Nur die Kultur.“

Wenn Dieter Lenzen der Präsident der Freien Universität wird, will er der Politik selbst Schwerpunkte vorschlagen, auf die die Universität sich in Zukunft konzentrieren will: „Wir müssen agieren statt zu reagieren“, sagte Lenzen. Nur so könne die FU sich „unangreifbar machen.“ Lenzen will den Fächerkanon möglichst erhalten, in ihm aber „Cluster“ besonderer Exzellenz bilden. Dazu soll eine „Clusterkommission“ eingesetzt werden, die die Schwerpunkte bis zum Anfang des nächsten Jahres ermittelt. Die Kriterien dazu seien: „Der Bildungsauftrag der Universität, die Finanzierbarkeit und Einnahmemöglichkeiten.“ Lenzen beklagte, die Universität würde von der Politik gezwungen, sich der Sprache von Unternehmensberatungen zu bedienen. Die Situation der Universitäten sei angesichts des Auftrags, Aufklärung durch Bildung zu finanzieren, eine Schande.

Die Frage, wozu Berlin drei Germanistiken braucht, hält Lenzen für „dumm“. Natürlich könne Berlin auch zwei Fakultäten schließen. Das ändere aber nichts an dem Ausbildungsbedarf: Schon jetzt produziere Berlin etwa deutlich zu wenig angehende Lehrer, um später auch nur den eigenen Bedarf decken zu können. „In Paris gibt es an sechs der zehn Universitäten französische Literaturwissenschaften“, sekundierte ihm Hempfer. Die deutsche Bildungspolitik sei „unredlich“: „Man will immer mehr Menschen studieren lassen, aber reduziert die Kapazitäten. Es ist eine unglaubliche Anmaßung, die Unis die Zeche für die Politik zahlen zu lassen“, sagte er.

Hempfer will sich in seiner Amtszeit als Erster Vizepräsident besonders um die Berufungen kümmern und „eine gesunde Mischung aus etablierten Koryphäen und viel versprechenden jüngeren Wissenschaftlern“ gewinnen. Die Berufungsverfahren sollen durch eine intensivere Kooperation mit den Fachbereichen deutlich schneller von statten gehen als bislang. Hempfer will den Fachbereichen nicht vorschreiben, Juniorprofessuren zu besetzen. Er kritisierte die Juniorprofessur als „Sparpaket“, das die bestehenden Probleme des Nachwuchses nur verschlimmere. Der Vorstellung, statt teurer Professoren billigere Akademische Räte für den Unterricht der Grundkurse einzusetzen, erteilte Hempfer eine Absage: „Die Erfahrung in den siebziger Jahren war miserabel.“ Anstatt die Qualität zu senken, müssten lieber die Studienplätze reduziert werden: „Aber das muss dann die Politik verantworten.“

Lenzen wurde vom Akademischen Senat mit 20 Ja-Stimmen als Kandidat nominiert, Hempfer mit 16 Ja-Stimmen.

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