Gesundheit : Uni-Misere?: Der nächste Umschwung kommt bestimmt

Anja Kühne

Der zur Zeit wichtigste Berliner Studentenführer? Vielleicht ist es Peter Grottian. Zwar saß der grauhaarige Politik-Professor an jenem "Aktionstag" des Otto-Suhr-Instituts (OSI) Woche als Gleicher unter Gleichen im Kreis der rund 15 studentischen Aktivisten auf dem blauen Teppichboden der Rostlaube. Doch dürfte unter Grottians Jüngern kaum jemand sein, der so gut wie der Alt-68er weiß, wie man einen wirksamen Protest entfacht. Einen, mit dem die dem OSI bevorstehenden drastischen Kürzungen vielleicht doch noch verhindert werden können. "Die Aktionen sind zu zahm, sie müssen mehr weh tun!" hat Grottian die Streikenden schon im Wintersemester 1997 gemahnt und die Teilnehmer einer Vollversammlung aufgefordert, Demos auch in den Bezirken "der Reichen" zu organisieren.

Dem Nachwuchs aber scheint das rechte Feuer zu fehlen. Besonders der breiten Masse. Denn während die kleine Runde auf dem Teppich in der Rostlaube noch über "Gewalt oder Nicht-Gewalt" diskutiert und darüber, wie sich die "Arbeiterklasse" wohl zur Solidarität mit dem OSI bewegen ließe, sucht draußen in der Thielallee die "Generation Golf" nach einem Parkplatz. Und dort, wo noch in den achtziger Jahren die Marxistisch-Leninistische Partei für sich warb, hängen nun Plakate von "Recruiting Messen" und Krankenkassen.

Ist das Gros der heutigen Studentenschaft wirklich vor allem mit dem eigenen Fortkommen beschäftigt und nörgelt höchstens mal über das Mensaessen? Überraschungen sind durchaus möglich, meint Thomas Köhler, Soziologe an der Uni Hannover. Hans Oswald vom Zentrum für Jugend- und Sozialisationsforschung an der Uni Potsdam sieht das genauso: "Die Unruhen von 68 hat auch niemand vorhergesagt."

Nur auf den ersten Blick scheinen die Studierenden angepasst. Denn das an den Unis noch in den achtziger Jahren dominierende "alternative Milieu", in dem Jürgen Trittin als Fachschaftsvertreter an der Uni Göttingen seine ersten politischen Gehversuche machte, hat sich in den neunziger Jahren völlig aufgelöst, wie die Arbeitsgruppe Sozialstrukturforschung an der Universität Hannover im vergangenen Jahr in einer Studie feststellte. Zugleich hat sich die Meinungsführerschaft von den Kultur- und Sozialwissenschaften hin zu den Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern verlagert. In den neunziger Jahren dominiert das "liberal-intellektuelle Milieu". Es zeichnet sich durch den Wunsch nach beruflichem Erfolg und durch Freude an den Annehmlichkeiten des Lebens aus. Gleichwohl sind diese Studierenden weltoffen und nehmen regen Anteil am gesellschaftlichen Leben. Nach einer weiteren Studie der Uni Frankfurt, sehen sich über sechzig Prozent der Studierenden selbst links von der Mitte.

In Zeiten, da die Akademikerarbeitslosigkeit weiter sinkt, könnte das "alternative", also genuin gesellschaftskritische Milieu auch wieder eine Renaissance erleben: "In ein paar Jahren werden die Studierenden sich fragen, warum sie für ein schnelles Studium ackern sollen, wenn ihnen am Ende sowieso ein Job winkt", prophezeit Köhler. Die jetzige weit verbreitete Stimmung, schnell die eigene Existenz im Beruf zu sichern, führt er noch auf den Umbruch von 1989 zurück, als starke Verunsicherung herrschte. Bald wird genug Zeit für einen Umschwung zu einem neuen "Bildungshedonismus" verstrichen sein, bei dem dann nicht die Effizienz, sondern die persönliche Entwicklung wieder im Vordergrund stünde.

Aber schon jetzt geht es nur wenigen allein darum, möglichst viel zu verdienen, wie der Soziologe Oswald meint: "Die meisten wollen sich in der Arbeit selbst verwirklichen und wünschen sich Aufgaben mit gesellschaftlicher Bedeutung." Natürlich, wer heute ein Auslandssemester einlegt, fährt nicht nach Indien zu den Baghwan-Jüngern, sondern zum Praktikum in die USA. Aber noch immer dienen Auslandsaufenthalte nicht allein dazu, sich bei späteren Bewerbungen einen Vorteil zu sichern. Oswald: "Spaß, Erfahrung und Persönlichkeitsbildung bleiben wichtige Motive".

Auch politisch zeigt sich dieses "Sowohl als auch": Über 90 Prozent der Studierenden beteiligen sich regelmäßig nicht an den Wahlen zum Studentenparlament. Trotzdem legten auch während der neunziger Jahre mehrere studentische Massenstreiks die Uni lahm, zuletzt im Wintersemester 97/98. Um gegen die schlechten Studienbedingungen zu protestieren, verlegten hessische Studierende ihre Vorlesungen in die U-Bahnhöfe, versuchten Berliner Kommilitonen sogar, die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Uni-Misere zu lenken, indem sie sich nackt den Fotografen stellten.

Gehen Studierende nur in eigener Sache auf die Straße? Oswald traut ihnen durchaus mehr als nur Selbst- oder Nachbarschaftshilfe zu: Politikverdrossenheit und Misstrauen gegen die Parteien sind unter Gymnasiasten und Studierenden weit weniger verbreitet als im Durchschnitt der Berufstätigen, wie Studien belegen. "Das Gefühl, dass man was bewirken kann, ist in diesen Gruppen relativ hoch." Allerdings überfordere die Fülle der Krisenherde den Einzelnen: Die Studierenden können nicht gegen alles Unrecht der Welt aufstehen. "Wenn wirklich ganz was Schlimmes passiert und die Regierung nichts macht, dann würde die Lage schnell umkippen. Aber Schröder und Trittin machen eben alles richtig", sagt Oswald. Ausländerfeindlichkeit sieht er eher nicht. Die überwältigende Mehrheit der Studierenden begegne ihren ausländischen Kommilitonen solidarisch.

Nur für radikale Ideologien und naiven Optimismus ist die heutige Studentenschaft eben nicht empfänglich, hat eine Arbeitsgruppe der Uni Konstanz herausgefunden: Kommunistische Ideen seien völlig out, ebenso wie die Themen "Gleichberechtigung", "Weltverbesserung" und erst recht "Sprengen des Systems". "Die Studierenden sind weltanschaulich einfach nicht mehr so aufgeregt", sagt Oswald. Entsprechend seien die Streiks an den Unis letztlich nicht ideologisch dogmatisch, sondern sehr rational geführt worden: "Die Studierenden sind zwar gegen Sparmaßnahmen, wissen aber auch, dass Geld, das nicht da ist, nicht verteilt werden kann." Radikale Sprüche wie "Kitas statt Panzer" seien hier deshalb nicht mehr zu hören. Eine einzige große "Recruiting-Messe" ist die Uni deshalb noch lange nicht.

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