Gesundheit : Uni-Start: Warum Makler Studenten lieben

Juliane von Mittelstaedt

Seit Wochen schon hat mich niemand mehr angerufen. Aber das macht nichts, denn meine Freunde verstehen mich ohnehin schon lange nicht mehr. "Hast Du jetzt endlich eine Wohnung?" fragten sie damals nur und legten auf, wenn ich entgegnete: "BK 550, 40 Qdr., son., Dn, mit Prov., aber leider OH." Stille am anderen Ende der Leitung. Dann ein Klicken, dann ein Tut-Tut-Tut. Ich weine ihnen nicht hinterher. Ich habe jetzt neue Freunde. Gleichgesinnte. Wir, die Erstsemester, Gaststudenten, Studienplatzwechsler und Familienflüchtlinge verstehen uns, schließlich verbindet uns die Wohnungssuche.

Zum Thema Online Spezial: Uni-Start Der dekadente Wohlklang von "Süd-Bk" lässt uns gemeinsam schmachtend aufseufzen, der Hass auf ein verlogenes "ZH" bei tatsächlicher "OH" treibt uns gemeinsam die Zornesröte ins Gesicht. Die Samstagszeitung ist unser Mantra, der wohlwollende Makler unser Gott. Jeden Sonntag kriechen wir aus unseren Löchern und fallen über den Prenzlauer Berg her. Zusammen mit Hunderten von Turnschuhen und Lackstiefeletten trete ich Pfade in urinverseuchte Treppenhäuser und in den Zement depressiv-düsterer Hinterhöfe, kämpfe mich Stufe um Stufe zur vermeintlichen Traumwohnung hinan. Die hämisch säuselnden Glühbirnen spenden gnädige Dunkelheit. Von himmelwärts erschallt derweil ein alkoholheiteres Hallelujah. Am Ziel der Suche angelangt, springt mich der Odeur verfärbter Linoleumböden heimtückisch an und der Anblick der braunen Kachelöfen jagt eine Gänsehaut von den Zehennägeln bis in die letzte Haarwurzel. Gemütliche Winterabende werden das.

Nahe der Wand muss man schon aufpassen, um von den hundertfach gestrichenen, abblätternden Tapeten nicht erschlagen zu werden. Für die Styroporplatten an der Decke, als "Stuck" inseriert, gilt ähnliches. Eine Wohnung zu finden, ist die eine Sache. Ein Badezimmer dazu, eine ganz andere. Ich lerne, dass auch eine nicht existierende Dusche eine gute Dusche ist, denn es genügt durchaus die Möglichkeit, dass man diese einbauen könnte. "Bei Bedarf" fügt der Makler hinzu. Auch eine Toilette fällt eigentlich erst auf, wenn sie fehlt. Ebenso, wie "sonnig" lediglich bedeutet, dass mindestens ein Fenster vorhanden ist und sich die Wohnung nicht auf Tiefgaragenniveau befindet. Immerhin. Man wird ja fast anspruchslos.

Ich glaube übrigens, die Makler lieben uns Studenten und noch mehr lieben sie bestimmt den Oktober. Im Oktober nämlich, da können sie selbst die Ladenhüter und Restposten noch an den Mann, pardon, an den Studenten bringen. Während wir Wohnungssuchenden von Woche zu Woche immer verzweifelter werden, der Semesteranfang ungebremst näherrückt, da gräbt sich das höhnische Grinsen immer tiefer in die Mundwinkel der Makler und Vermieter. "Was? Einen Monat mietfrei wollen Sie haben? Zum Renovieren? Ja, träumen Sie denn?!" Nun, heute ist Semesteranfang. An alle diejenigen, die noch immer kein Berliner Dach über dem Kopf haben: Wir treffen uns nächsten Sonntag. Im Prenzlauer Berg. Und schenken uns dafür die Erstsemesterparty.

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