Gesundheit : UNIKATE: Auf den Straßen von Paris

TOM HEITHOFF

Ein Berliner Grafikstudent und die Obdachlosen: Holger Bedurke traf auf GesprächsbereitschaftVON TOM HEITHOFF"Wir warten nicht auf eine Krone,/ einen Thron im Himmel/ wir warten auf das Geld für einen Kaffee,/ auf einen Platz im Warmen", heißt es in einem Gedicht von Kathy.Kathy lebt auf den Straßen von Paris.Kathy ist eine SDF, wie die Abkürzung für "sans domicile fixe" (ohne festen Wohnsitz) lautet.Holger Bedurke, ein 27jähriger Grafik-Student der Kunsthochschule Weißensee, hat ihr und einigen anderen Namenlosen den Namen zurückgegeben, hat über ein halbes Jahr lang ihr Leben beobachtet, hat Stücke aus ihrer Biographie nach Berlin gebracht, die nun zu einer kleinen Ausstellung zusammengesetzt wurden. "Eigentlich ging ich nach Paris wegen der Kultur und um mein Französisch zu verbessern", sagt Holger Bedurke.Erst in Paris, wo er an der Ecole des Arts Décoratifs als Gaststudent arbeitete, formte sich die Idee, das Leben der Obdachlosen künstlerisch zu verfolgen.Doch würde das überhaupt möglich sein? Würden sie sich einem Fremden öffen, der - in ihren Augen - als privilegierter Kunst-Student, als Voyeur vielleicht in ihr Leben in Armut einbricht? Der Zufall dirigierte.Er führte ihn neben den Obdachlosen in der Metrostation, im Park oder an der Kreuzung."Das Elend ist in Paris sichtbarer als bei uns", sagt Bedurke.Die Frage nach einer Zigarette war ein häufiger Anlaß, ins Gespräch zu kommen.Und mit Erstaunen stellte er fest, daß die Annäherung einfacher war als gedacht.Froh über jedes kleinste Zeichen des Interesses, wurden die Stummen redselig."Die meisten Obdachlosen haben nicht nur etwas zu sagen, sie waren auch bereit, über ihr Leben und ihre Gefühle zu sprechen." Sie erzählten ihm von den schlechten Erfahrungen, die sie mit "Fragern", zumeist Journalisten, gemacht hatten.Zu oft fühlten sie sich als häßliche Dekoration für schöne Geschichten mißbraucht.Holger Bedurke war von Beginn an offen und ehrlich."Nie habe ich verschwiegen, was ich vorhatte.Sie wußten, daß ich das Projekt für eine deutsche Kunsthochschule machte." Dazu kam, daß er selbst sehr bescheiden lebte."Sie wußten, daß ich nur wenig Geld hatte, und sie erwarteten auch kein Geld von mir." Auch seine anfangs "eher dürftigen Sprachkenntnisse" trugen dazu bei, die Gegensätze abzumildern.Diese "Schwäche" des Fremden habe noch die Vertrauensbasis gestärkt, weil "sie gesehen haben, daß auch andere - in diesem Falle sprachliche - Außenseiter sind". Bevor er mit einem Kassettenrekorder die - in der Regel nicht gelenkten - Gespräche aufnahm, bevor er Photos schoß, verging eine Phase des Kennenlernens. Das Herzstück seiner Arbeit war ein Arbeitsbuch, in das Fotos, Zeichnungen und erinnerte Gesprächsfetzen Eingang fanden.Dieses Buch zeigte er seinen Gesprächspartnern, die Zeichnungen, Texte, Kommentare beisteuerten und damit auch "in einem gewissen Sinne kontrollierten", was vor sich ging. Ein großes Problem bestand darin, daß Obdachlose keinen privaten Raum haben, Treffen waren also mehr oder minder zufällig.Und sie fanden meist auf der Straße statt.Verabredungen wurden nicht immer eingehalten."Wenn du dich für morgen um elf verabredet hast, lag die Chance bei 50 Prozent, daß man sich auch traf", erinnert er sich.Überrascht hat ihn der "nicht zu unterschätzende Trieb zur Selbstdarstellung", wobei die Grenze zwischen Illusion und Realität verwischt.Daß sich manche als "Genie" oder als "Wanderer" bezeichnen, kann Teil ihrer Überlebensstrategie sein, doch oft ist es auch Blendung, Spiel, Witz.Während der Photo- und Gesprächsaufnahmen mußte Holger Bedurke versuchen, das Gleichgewicht zwischen Lüge und "Wahrheit" zu halten. Die pure Ästhetik ist Holger Bedurkes Sache nicht.Für ihn gehört zur Grafik auch der Sinn.Gar nichts hält er von einer geglätteten Ästhetik, die Probleme übertüncht.Man merkt seinen Exponaten, den Schwarz/Weiß-Photos und Siebdrucken auf Verpackungskarton, die menschliche Verbundenheit an, glaubt dem Künstler das persönliche Berührtsein.Doch natürlich, so sagt er schulterzuckend, haben sich die Begegnungen in künstlerische Form verwandelt."Ich habe eine ästhetische Arbeit vorgelegt - das Problem, unter dem die dargestellten Menschen leiden, bleibt jedoch bestehen.Das gibt mir schon ein Gefühl der Hilflosigkeit." Sicher, eine Ausstellung kann diesen Menschen nicht helfen.Doch sie kann ein Anstoß sein für den Betrachter, der in den Fotos und Drucken Menschen erkennt, die wahrgenommen werden wollen - als verletzbarer Mensch und nicht als SDF.Das jedenfalls wäre ganz im Sinne von Holger Bedurke. Die Ausstellung, die zugleich den praktischen Teil seiner Abschlußprüfung darstellt, ist noch bis zum 7.November im Bezirksamt Prenzlauer Berg, Haus 6, Fröbelstr.17 (Mo -Do 9-17 Uhr, Fr 9-16 Uhr) zu sehen.

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