Gesundheit : Unikate: Das Lächeln der Smilies

Sibylle Salewski

Es war ein Nebensatz, eine Randbemerkung in der Vorlesung. Ohne den würden die Freunde ihr nun nicht dauernd Smilies schenken - Bildchen, Tassen, Aufkleber. Ruth Jäger kennt die kleinen Strichgesichter ganz genau, besonders die feinen Unterschiede ihrer Mundwinkel.

Wenn Menschen befragt werden, wie sie sich fühlen, oder was sie von einem neuen Restaurant halten, dann sollen sie manchmal Symbole ankreuzen - lächelnde Smilies zum Beispiel, oder solche, die die Mundwinkel tief nach unten ziehen. Doch taugen diese kleinen Bildchen überhaupt dazu, Ablehnung oder Zustimmung sinnvoll zu messen? Als Ruth Jäger diese Frage in der Vorlesung hörte, wusste sie, sie hatte das Thema für ihre Diplomarbeit gefunden. Dass sie für diese Arbeit den renommierten Georg-Sieber-Preis erhalten sollte, ahnte sie damals noch nicht.

Wenn sie heute von ihren Untersuchungen erzählt, hört sie gar nicht mehr auf zu reden, erklärt lebhaft mit den Händen, malt Grafiken aufs Papier und rechnet Formeln vor. Denn die Sache mit den simplen Smily-Gesichtern ist gar nicht so einfach: Um Stimmungen abzufragen, kann man den Befragten als Antworten Zahlen vorgeben, von eins bis fünf zum Beispiel, oder von minus zwei bis plus zwei. Dadurch hat man von vornherein gesichert, dass die Abstände zwischen den Antworten gleich groß sind - ist meine Stimmung "minus eins" ist sie genau eine Einheit besser als "minus zwei". Das ist wichtig, denn nur so lassen sich aus den Antworten sinnvolle Mittelwerte bilden.

Doch Zahlen sind langweilig. Smilies können einen Fragebogen auflockern und die Atmosphäre einer Befragung verbessern. Sie haben aber einen Nachteil: Verändert man die Mundwinkel der Smilies immer gleich viel, so ist noch keineswegs gesichert, dass wir diese Veränderungen als gleich groß empfinden.

Ruth Jäger fand heraus: Ist der Mund eines lächelnden Smilies nur ein wenig nach oben gebogen, wirkt er gleich viel fröhlicher. Verändert man den Mundwinkel eines traurigen Smilies um exakt die gleiche Strichlänge nach unten, wirkt er aber nur geringfügig schlechter gelaunt, entdeckte Ruth Jäger. Siebzehn geometrisch genau definierte Smilies hat sie dazu einer Gruppe von Versuchspersonen vorgelegt. Sie ordneten diese lächelnden und traurigen Gesichter nach ihrem subjektiven Empfinden auf einer Skala an. So konnte die Psychologiestudentin die fünf Smilies küren, deren Stimmung nach unserem Empfinden gleich weit auseinander liegt - jenseits der tatsächlichen Verlängerung der Münder nach oben oder unten. Jetzt läuft die Patentanmeldung für diese "Smily-Skala".

Methodenlehre, Statistik, Psychophysik - auf diese Bereiche hat sich Ruth Jäger in ihrem Psychologiestudium konzentriert. Gebiete, um die viele Studierende lieber einen großen Bogen machen: zu trocken, zu formal, zu mathematisch. Ruth Jäger findet gerade das spannend: "Bei all diesen Fragen geht es doch darum, was wir überhaupt erkennen können, welche Aussagen wir machen können und welche nicht; wie wir zu begründeten Urteilen kommen."

Früher, noch in der Mittelstufe, wollte sie Mathematik studieren. Daraus ist dann nichts geworden. "Ich habe eine typische DDR-Biografie", sagt sie: regimekritisches Elternhaus, Konfirmation statt Jugendweihe. Das Abitur konnte sie machen, weil der Bischof sich für sie einsetzte. Die Idee, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen, gab sie aber auf. Stattdessen suchte sie sich eine Nische. Sie studierte nach dem Abitur 1983 Geige an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin und unterrichtete danach an Musikschulen in Thüringen und im Prenzlauer Berg. Bis zum Mauerfall. Dann wollte sie das mit der Wissenschaft noch einmal wissen, ging an die TU Berlin und studierte Psychologie. "Mir war überhaupt nicht klar, was da auf mich zukommt, aber es hat von Anfang an gestimmt", erzählt sie.

Ob die Psychologie ihre Leidenschaft geworden sei? Da überlegt sie nur ganz kurz: "Gut durchdachtes, korrektes wissenschaftliches Arbeiten, das ist meine Leidenschaft." Seit November 2000 hat sie eine Stelle für Methoden der Psychologie an der Uni Dresden. Promovieren will sie und Professorin werden. Wenn das Glück mitspielt. Sagt sie und lächelt - von Mundwinkel zu Mundwinkel, wie der Smily ganz rechts auf der Skala.

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