Gesundheit : Unikate: Der Ökologe

Juliane von Mittelstaedt

Sie tragen Birkenstocksandalen und handgewebte Hanfhosenanzüge aus ökologischem Anbau, man trifft sie in der Nähe von Bioläden - ständig strickende Menschenwesen mit dunkel gefärbten Fingern von der kleingärtnerischen Erde und dazu einem karotingelblichen Teint. Gibt es solche "Ökos" heute noch? "Jein" müsste die Antwort lauten. Zwar steht Ökologie gerade wieder hoch im Kurs: Dioxin, Antibiotika und nicht zuletzt BSE sensibilisieren die meisten Menschen - schließlich ist die eigene Gesundheit betroffen. Doch wer engagiert sich in unserer "Mir-doch-egal"-Spaßgesellschaft noch wirklich für Umweltschutz ?

Robert Sperfeld ist so einer. Der Student der Verwaltungswissenschaften an der Uni Potsdam ist Landesjugendsprecher im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Brandenburg. Gegründet hat sich die BUNDjugend hier erst 1993. Havelausbau, Transrapid und der neue Großflughafen waren zu jener Zeit viel diskutierte Themen, die auch Robert bewegten. Und da meist nichts passiert, wenn alle nur reden und keiner was macht, hat Robert damals mit ein paar Gleichgesinnten über Aktionen nachgedacht. "Das, was wir machen ist nicht immer spektakulär", sagt er, "man kann schließlich nicht gleich die ganze Welt verändern."

Unter dem Schlagwort "Mobil ohne Auto" verteilen Robert und seine Freunde Dankeschönrosen an Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel, machen Fahrradsternfahrten oder bauen sogar Deiche um Rathäuser, um vor dem Ansteigen des Meeresspiegels und dem nahenden Klimakollaps zu warnen. Friedliche Proteste sind es, niemand kettet sich an Schienen fest oder greift Polizisten tätlich an. Die Demos sind angemeldet, die Demonstranten höfliche Menschen - Kooperation statt Konfrontation. "Ein direktes politisches Handeln" bewirken die Umweltschützer damit nicht, weiß Robert, "aber die Leute gucken hin, und manchmal machen sie sogar mit."

Umweltschutz im Zeitgeist eben. Thesenpapiere und Flugblätter sollen Durchschnittsfrau und -mann aufklären, Ideen zum umweltgerechten Verhalten geben. Robert verbringt viele Stunden seiner freien Zeit in dem engen, mit Aktenordnern vollgestapelten Büro, um Strategien zu entwickeln und wieder zu verwerfen, Kontakt mit Schulen und Firmen aufzunehmen, kurz: Leute für den Naturschutz zu begeistern - und wenn das Ergebnis nur ein fahrradfreundlicheres Verkehrssystem in Potsdam ist.

Den rein organisatorischen Teil seiner Arbeit nennt er selber "shit work", viel lieber beschäftigt er sich mit Inhalten als mit Formalien. Das Miteinander in der Gruppe zählt mindestens genauso viel wie das ehrenamtliche Engagement. Daher organisieren moderne Umweltschützer auch schon mal eine ganz unökologische Skifreizeit.

Robert will nicht in die "Müsli-Möhren-Öko-Ecke" gestellt werden. Umweltschutz gehe schließlich jeden von uns was an. Viele seiner Kommilitonen kommen mit dem Fahrrad zur Uni, trennen den Müll, sparen Wasser und Energie. Wie es scheint, gibt es heute zwar kaum noch orthodoxe Ökos. Dafür umso mehr unorthodoxe. Daher plant Robert auch ein neues Projekt, das "FoodCoop" heißen soll: Über Gruppenbestellung kauft man dort ansonsten teure ökologische Produkte im Bio-Großhandel preiswert ein, um sie dann entsprechend günstig an die Kommilitonen abzugeben.

Was unterscheidet Robert vom "Öko" der achtziger Jahre? Mit Jeans und Sweatshirt würde er ganz sicher auch bei einem Treffen der Jungen Union nicht weiter auffallen. Vor allem aber sind die Umweltschützer von heute leiser, weniger radikal in ihren Methoden. Schlagwörter und "Kampf dem Atomtod"-Idealismus sind pragmatischer Rationalität gewichen.

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