Gesundheit : UNIKATE: Hinter der buntesten Tür der Uni

JOSEFINE JANERT

Ruth Tesmars Atelier befindet sich im Reuterhaus hinter der wohl buntesten Tür der Humboldt-Universität.Einladungen zu Ausstellungen hängen da und Fotos von Stiften, Farbtöpfen und Zeichnungen.Hier beginnt das Reich der Frau, die von sich sagt, sie habe die schönste Stelle der ganzen Uni.Die Professorin für Künstlerisch-Ästhetische Praxis bietet ihren Studenten "eine humanistische Ausbildung im Humboldtschen Sinne".Sie zieht mit ihnen durch die Berliner Museen, denn für die Kunstbetrachtung sollen möglichst die Originale her.In den Seminaren sitzen nicht nur Kunsthistoriker, sondern auch Mathematiker und Juristen.Viele hatten seit Jahren keinen Pinsel mehr in der Hand.Zum Aktzeichnen im Dach-Atelier kommt sogar ein Chemieprofessor.

"Das Malen", sagt Tesmar, "dient dem Verfeinern der Sinne und der Konzentrationsfähigkeit, dem Erweitern des Horizonts.Dabei geht man zurück zu den Ursprüngen." Hinter der bunten Tür im Reuterhaus herrscht ein kreatives Chaos.Kataloge und Bücher, Pinsel, Stempel, Steine und Notizzettel liegen gleich zu Dutzenden herum.Doch das Durcheinander ist nicht wahllos.Ruth Tesmar scheint jedem Ding liebevoll seinen Platz zuzuweisen.Sie ist eine Sachensucherin.Angeschwemmtes Holz und Reste von alten Möbeln, die Freunde und Studenten ihr bringen, verwendet sie für verschiedene Kunst-Techniken.

In Tesmars Ausstellung "Briefe an Leibniz" hängt das Messer ihres Großvaters, das sie dem Universalgelehrten Leibniz spielerisch verehrte, "damit Sie Ihren Wein öffnen können oben im Himmel", wie der Text zu der Collage lautet.Insgesamt 24 Blätter hat die Künstlerin dem Wissenschaftler gewidmet, farbenfrohe Unikate mit Laub, Reiskörnern, Perlen und Federn.Drumherum kritzelte sie mit schwarzer Tinte Anmerkungen und Lob für den geschätzten Mann.Leibniz, der Tausende Briefe an Zeitgenossen sandte, sollte nun selbst einmal Post bekommen, fand sie.Eine andere Ausstellung im Mosse-Zentrum gilt Medea, der Frau, die nach der griechischen Mythologie ihre Nebenbuhlerin vergiftet und ihre Kinder getötet haben soll.An dieser und an anderen weiblichen Figuren der Kulturgeschichte interessiert Ruth Tesmar, "wie eine Frau mit Schmerz umgeht".

Je nachdem, womit sich die Malerin gerade beschäftigt, verändert sich das Durcheinander auf dem großen Tisch im Atelier.Schon vor der Wende hat die Absolventin der Kunsthochschule in Ost-Berlin für DDR- Verlage verschiedene Bücher illustriert, hat zu Hugo von Hofmannsthal und Christian Morgenstern gearbeitet.Immer wieder tauchen Buchstaben und Schriftzüge in Ruth Tesmars Bildern auf.Mit der Ausstellung "Briefe an Leibniz" will sie den Betrachter auch zum Schreiben animieren.Nicht mit dem Computer, nein, ganz altmodisch, ganz langwierig mit der Hand, denn dies seiein sinnlicher Akt.Sie selbst verfaßt vier bis fünf Privatbriefe pro Woche.Auch während ihrer Zeit als Dekanin an der Humboldt-Universität hat sie Post mit der Hand geschrieben - solche Papiere hätten manche Leute bis heute behalten.

In einem Seitenflügel des Hauptgebäudes hat die gebürtige Potsdamerin noch Papier und Farben aus DDR-Zeiten gehortet.Neben allerlei Künstler-Werkzeugen hängen da auch die bunten Kostüme, die Ruth Tesmar für eine Inszenierung der "Undine" entworfen und geschneidert hat.Alle paar Jahre führt sie in Kooperation mit dem Universitätsmusikdirektor Constantin Alex, einem Regisseur und natürlich mit den Studenten eine Oper im Innenhof der Universität auf.Welche als nächstes kommt, steht noch nicht fest.Nur, daß die Angelegenheit für alle wieder eine große Entdeckungsreise wird.

Die "Medea-Mythen" sind noch bis zum Freitag, dem 29.Mai, wochentags von 9 bis 17 Uhr im Mossezentrum, Schützenstraße 25, zu sehen.Die "Briefe an Leibniz" hängen mindestens bis zum 31.August in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Jägerstraße 22/23, geöffnet wochentags 9 bis 18 Uhr.Der Eintritt ist frei.

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