Gesundheit : UNIKATE: Kosmonaut vor dem Kaufcenter

JOSEFINE JANERT

Alexandra Gehr fotografierte für ihre Diplomarbeit Denkmäler aus der Zeit der DDRVON JOSEFINE JANERTWas um alles in der Welt ist ein Traditionskabinett? Alexandra Gehr hatte keinen blassen Schimmer, was sich hinter diesem gewichtig klingenden Wort verbirgt.Es stand auf einer Liste über Denkmäler in Ost-Berlin, die sie für ihre Diplomarbeit im Fach Kommunikationsdesign fotografieren wollte.Die Traditionskabinette befanden sich zu DDR-Zeiten in Schulen und Betrieben, doch als Alexandra Gehr dort anrief, um einen Termin für eine Besichtigung zu vereinbaren, erfuhr sie, daß die Kabinette schon kurz nach der Wende geschlossen worden waren.Nicht so die vielen Mahnmale und Gedenkhaine für Widerstandskämpfer, Arbeiterführer und andere Personen, die in der DDR verherrlicht wurden.Sie können schon wegen ihrer Größe nicht von einem Tag auf den nächsten aus dem Straßenbild entfernt werden. Mehrere hundert Schwarz / Weiß- und Farbaufnahmen von Denkmälern aus der DDR hat Alexandra Gehr in den letzten Monaten gemacht.Inzwischen weiß sie auch, was ein Traditionskabinett ist, nämlich ein Raum, in dem Fahnen und persönliche Gegenstände einer idealisierten Person aufgehoben wurden.Dort fanden auch die offiziellen Feiern statt, zum Beispiel vor dem 1.Mai. Die Diplomarbeit, die Alexandra Gehr an der Fachhochschule Würzburg einreichte, heißt "Zwischenzeit".- "Das ist die Zeit, in der wir jetzt leben, in der das Vergangene gegenwärtig und die Zukunft noch nicht gekommen ist", erklärt sie.Zwanzig ausgewählte Aufnahmen wird sie an ihrer Fachhochschule präsentieren."Außerdem würde ich meine Fotos gern auf einer Ausstellung zeigen - am liebsten für Westler, denn die sind mit den Denkmälern nicht aufgewachsen." Alexandra Gehr ist es auch nicht.Vor einem Jahr kam sie das erste Mal in ihrem Leben nach Ost-Berlin.Beim Spazierengehen entdeckte sie die Gebäude einer Brauerei, die nach der Wende verlassen worden waren.Auf dem Boden verstreut lagen Kaffeetassen, Telefone, Arbeitsstiefel und anderes wertlos gewordenes Gerümpel, Gegenstände aus der untergegangenen DDR, die dem Vergessen überlassen waren.Alexandra Gehr begann zu fotografieren.Die Aufnahmen aus der Brauerei wurden Teil ihrer Diplomarbeit. Mit einer gewissen Unsicherheit steht Alexandra Gehr vor all den heldenhaft dreinschauenden Aufbauhelfern, Genossenschaftsbauern und Widerstandskämpfern in Ost-Berlin."Von vielen Denkmälern geht nach wie vor eine pathetische Wirkung aus", sagt sie und verweist gleichzeitig auf Lächerliches und Absurdes.Hinter einem tollkühn ausschreitenden Mann, der wie ein Kosmonaut aussieht, blinkt auf dem Foto das Schild eines Marzahner "Kaufcenters". Das riesenhafte Denkmal für Ernst Thälmann, der 1986 nahe dem S-Bahnhof Greifswalder Straße aufgestellt wurde, ist mit Kritzeleien und Graffiti verunziert und wirkt nur noch jämmerlich.Die wuchtige, idealisierte Darstellung macht den Arbeiterführer unnahbar, ja abstoßend.Von offizieller Seite wurde das Denkmal nach der Wende als "städtebauliche Fehlleistung" bewertet.Experten empfahlen den Abriß. Der politische Hintergrund der Arbeit, die eigentlich vor allem aus Fotos besteht, nimmt Alexandra immer mehr gefangen.Wie wird heute mit den Monumenten umgegangen, die immerhin für ein Stück deutsche Geschichte stehen? "Man sollte die Denkmäler nicht einfach entfernen.Eine demokratische Gesellschaft sollte zulassen, daß sich die Menschen damit auseinandersetzen", sagt sie und erinnert an das riesige Lenin-Denkmal in Ost-Berlin, das nach der Wende demontiert worden ist.Immerhin gibt es jede Menge Fotos davon.

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