Gesundheit : Unikate: Quälender Kummer

Martin Kiesler

Die neuen Leiden der jungen Gymnasiasten sind vielfältig: Etwa ein Drittel leidet unter Allergien, Ess- oder Schlafstörungen, nimmt Drogen oder hat Probleme mit Eltern, Partnerschaften oder in der Schule, wie eine Untersuchung am Berliner Friedrich-Ebert-Gymnasium ergeben hat. Andere Studien entwerfen ähnliche Bilder. Doch mehr als die Hälfte derjenigen, die von Schwierigkeiten berichten, kann mit niemandem darüber reden; Beratungsangebote sind oft nicht bekannt oder werden wegen hoher Hemmschwellen nicht in Anspruch genommen. Dabei geht es um viel: Nicht selten macht der Kummer die Schüler krank.

"Wenn man Probleme in der Schule hat und steigert sich da immer mehr in irgendwas rein, dann kriegt man auch Probleme mit seinen Freunden. Und das wird dann natürlich immer mehr", beschreibt ein Junge seine Situation. Diffuse Ängste und Schulstress fördern häufig gesundheitsschädliches Verhalten. In der Vorstudie gab rund die Hälfte der Mädchen an, sie fühlten sich zu dick, müssten abnehmen oder würden gerade eine Diät machen. Gründe der sozialen Anerkennung spielen sowohl beim - krankhaften - Streben nach Schlankheit als auch beim Rauchen eine Rolle. Der Anteil derjenigen, die sagen: "es fällt mir schwer, neue Freunde zu finden", ist bei den Nichtrauchern mit 31 Prozent fast doppelt so hoch wie bei den Rauchern.

Im Rahmen ihrer Magisterarbeit hat Petra Rattay, Absolventin des TU-Ergänzungsstudienganges Public Health, eine schriftliche Befragung sowie Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern des Wilmersdorfer Friedrich-Ebert-Gymnasiums ausgewertet. Sie wollte herausfinden, wie gesund sich die Jugendlichen fühlen und wie Beratungsangebote aussehen müssten, damit sie angenommen werden.

Seit ihrem Soziologiestudium arbeitet die 33-jährige in der ambulanten Erziehungshilfe: Sie berät Familien bei Erziehungsproblemen, hilft bei der Gestaltung des Tagesablaufs und beim Umgang mit Behörden. Ihr Ziel ist es, Erziehungskompetenz der Eltern und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen zu fördern, so dass diese letztlich gesünder leben.

Was ist zu tun? Die Jugendlichen brauchen ein Angebot, auf das sie ohne Hemmungen zugreifen können, am besten direkt an ihrer Schule: "Die Schule würde damit Verantwortung für die Jugendlichen übernehmen, zu deren Belastung sie einen nicht zu unterschätzenden Teil beiträgt", meint Petra Rattay. Die externen Fachkräfte aus den bisher wenig bekannten Beratungsstellen sollten an den Schulen neben Einzelgesprächen auch Arbeit mit kleinen Gruppen anbieten. Gruppentermine kämen etwa dann in Frage, wenn in einer Klasse Konflikte auftreten aber auch generell als Kurs mit Kompetenzen zur Lebensbewältigung. Daneben könnten Entspannungsübungen, Hilfen bei Hausaufgaben oder ein Anti-Gewalt-Training, angeboten werden.

Den von ihr geforderten Einsatz externer Berater begründet Rattay mit deren gegenüber Schulpsychologen oder Vertrauenslehrern größeren Akzeptanz: "Eine stark psychologische Ausrichtung würde vermutlich die Hemmschwellen bei Jugendlichen erhöhen und mit der Angst einhergehen, sie könnten als nicht normal angesehen werden." Externe Helfer könnten auch verhindern, dass die Thematisierung von Gesundheit zum weiteren Lernthema oder zur bloßen Anpassungsleistung wird.

Gewalt als Gesundheitsthema

Kann die leib-seelische Gesundheit überhaupt zu einem ernsthaft verfolgten Ziel für die Schulen werden, da sie offenkundig vor allem mit Geldnot und zunehmender Gewalt kämpfen? "Schulklima und Gewalt sind im weiteren Sinne auch Public Health-Themen. Es geht nicht nur um Impfungen, Übergewicht oder Krankheiten, sondern auch um das Miteinander in der Schule", meint Petra Rattay. Die Schule müsse so gestaltet werden, dass die Jugendlichen im umfassenden Sinn gesund bleiben. Die meisten Schülerinnen und Schüler waren bereits für das Thema sensibilisiert, denn das Friedrich-Ebert-Gymnasium ist Mitglied im "Netzwerk Gesundheitsfördernde Schulen", hat in einigen Klassen bereits Gesundheitsstunden eingeführt und eine gemütliche Cafeteria eingerichtet, in der es gesunde Pausenmahlzeiten gibt. Ob das vorgeschlagene Beratungsangebot umgesetzt werden kann, wird derzeit in der Schule entschieden.

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