Gesundheit : Unikate: Ständig auf der Suche

Anja Schreiber

Wie ein nassforscher Karrierist sieht Tobias Bergmann mit seinen welligen Haaren und dem naturweißen Hemd nicht aus. Wie ein Musteranthroposoph mit selbst gestricktem Wollpullover und ausgeprägter Liebe zu Vollkorn-Müsli wirkt er allerdings auch nicht. Tobias ist seit Jahren aktives Mitglied der anthroposophischen Hochschulgruppe. Anthroposophie - das ist nicht nur eine auf Rudolf Steiner (1861-1925) zurückgehende esoterische Weltanschauung mit Waldorfschule und Gemüse aus biologisch-dynamischen Landbau. Sie ist auch ein umfassender Versuch einer kulturellen und gesellschaftlichen Erneuerung. Der Referendar für Mathe und Physik beschäftigt sich auch mit Steiners politischen Idee der "sozialen Dreigliederung". Wirtschaft, Kultur und Staat sollten, so Steiner, von einander weitgehend unabhängig sein. Steiners gesellschaftliche Vision - die nicht mit einer politischen Richtung deckungsgleich ist - orientiert sich an den Idealen der französischen Revolution: Brüderlichkeit in Wirtschaft und Produktion sowie Freiheit im kulturellen Leben. Dazu gehört auch die Bildung. Gleichheit soll es im staatlichen Leben geben. Der Staat hat möglichst wenig in die Kultur und in die Wirtschaft einzugreifen.

Stattdessen setzt diese Idee auf die Selbstverwaltung der Institutionen. Tobias fragt sich angesichts der historischen Distanz, "in welcher Form die progressiven Ideen von damals heute noch Anwendung finden könnten". Ein praktisches Beispiel sei der Bildungsgutschein. "Warum gibt der Staat nicht jedem Kind einen Bildungsgutschein, welchen es bei einer Schule seiner Wahl einlösen kann?" Er selbst will indirekt politisch wirken, durch die Arbeit als Lehrer: "Je mehr wir die Fähigkeiten der nachwachsenden Generation bilden, desto eher erziehen wir mündige und kompetente Bürger."

Während seiner eigenen Schulzeit auf einer Stuttgarter Waldorfschule war er noch nicht von der Anthroposophie überzeugt. Deshalb unterlief er viele ungeschriebene Regeln, wie sie in der Waldorf-Szene zum guten Ton gehören. Da es in seinem Elternhaus keine Flimmerkiste gab, schaute er bei den Nachbarn Fernsehen. Sein Leben ist nicht durch und durch mit Anthroposophie durchsetzt: Tobias isst zwar gerne Demeterbrot, aber nicht täglich. Es ist ihm zu teuer. Anthroposophische Ärzte bevorzugt er nicht. Der Beruf des Waldorflehrers steht nicht ganz oben auf seiner Wunschliste.

Freiheit nicht nur mit Wollpullover

Tobias hat sich später über Steiners philosophische Gedanken der Anthroposophie genähert. "Als ich die "Philosophie der Freiheit" von Steiner gelesen habe, stand dort nichts davon, dass man Wollpullis tragen und Müsli essen soll." Selbstbewusst verkündet er: "Prüfet alles und das Beste behaltet." Durch Aushänge am Schwarzen Brett der Uni kam er in Kontakt mit der Anthroposophischen Hochschulgruppe. Dort sind Betriebswirtschafts-Studenten genauso zu Hause wie Mediziner und Schauspielschüler. Was die Gruppe eint ist, so Tobias, nicht eine Ideologie, sondern "auf der Suche" zu sein. In diesem Semester steht die "Philosophie der Freiheit" auf dem Programm. Doch hat sich der Arbeitskreis auch schon mit politischen Themen beschäftigt. "Zur Zeit der Kosovo-Krise haben wir mit Hilfe von historischen Betrachtungen die gegenwärtigen Spannungen fundiert untersucht."

Aber weder die Anthroposophische Gesellschaft noch die Hochschulgruppe verfolgen tagespolitische Ziele. Der Traum des künftigen Lehrers: "Ich möchte eine freie Schule gründen, in der Eltern und Lehrer gemeinsam Ideen entwickeln, in der auf die konkreten Bedürfnisse der Beteiligten eingegangen wird." Schließlich habe sich Steiner für die Pluralität im Bildungssystem ausgesprochen - nicht für eine allein selig machende Waldorfschule.

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