Gesundheit : Unikliniken als Problemfall

Geringe Einnahmen, zu viele Betten, zu wenig öffentliche Investitionen – Fusionen als Ausweg

Adelheid Müller-Lissner

Medizin ist eine ganz besondere akademische Disziplin. An dem Fach hängen neben Lehrbetrieb und Grundlagenforschung in Laboren auch eigene Großbetriebe, die Universitätsklinika. 34 von ihnen gibt es in Deutschland. Dort findet klinische Forschung an Patienten statt, dort lernen angehende Ärzte in der Praxis. Dort werden allerdings auch zunehmend rote Zahlen geschrieben.

Für Politiker sei die Hochschulmedizin immer mehr zum „Lästigkeitsfaktor“ geworden, sagte Rüdiger Strehl, Kaufmännischer Direktor des Uniklinikums Tübingen, jetzt beim zweiten Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin in Berlin.

Denn die Unikliniken haben große Probleme, nicht zuletzt wirtschaftlicher Art: Das neue einheitliche Abrechnungssystem nach Fallpauschalen benachteiligt Krankenhäuser, in denen Hochleistungsmedizin viel Geld kostet. Zugleich gibt es Überkapazitäten im stationären Bereich. Außerdem sind die Investitionen der öffentlichen Hand in den letzten Jahren von einer Milliarde auf 700 Millionen gesunken.

Durch die jüngste Föderalismusreform droht neues Ungemach. Zwar sei die „Marke“ Uniklinik immer noch etwas Besonderes, sagte der Münchner Chirurg Rüdiger Siewert, Präsident des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands (VUD). Das zeige auch der große Zuspruch der Patienten, den es jetzt für die Teilnahme an klinischen Studien gebe.

Ein brisantes Thema ist die Privatisierung und Fusionierung von Unikliniken, wie sie das Land Hessen gerade in Marburg und Gießen vorexerziert hat. 398 Jahre „gesunde und gewachsene Rivalität“ seien zu überwinden gewesen, berichtete Joachim-Felix Leonhard, der als Staatssekretär im hessischen Wissenschaftsministerium maßgeblich an der Umstrukturierung beteiligt war.

Empfindlichkeiten und Rivalitäten der Partner solcher Vernunftehen seien eben nicht zu unterschätzen. So sei in Schleswig-Holstein die Fusion zwischen Kiel und Lübeck „zwar vollzogen, aber nicht vollbracht“ worden. Auch die Vereinigung der Charité ist nach Leonhards Ansicht bisher „nicht gerade durch erstaunliche Erfolge und großes Tempo gekennzeichnet“.

Joachim Kartte, beim Unternehmensberater Roland Berger für den Bereich Health Care zuständig, wundert sich nicht über die Schwierigkeiten. „Die Erfahrung aus der Privatwirtschaft zeigt, dass 50 bis 70 Prozent aller Fusionen scheitern.“ Von allen Rednern war zu hören, dass der Zusammenschluss kein Allheilmittel gegen die ungesunde Finanzlage der Kliniken sei. „Nicht alle Unikliniken können so überleben, wie sie heute aufgestellt sind“, mahnte Siewert.

Seit einem halben Jahr werden die fusionierten Kliniken der beiden knapp 40 Kilometer voneinander entfernt liegenden mittelhessischen Unistädte Gießen und Marburg zusätzlich von einem privaten Träger, der Rhön-Klinikum-AG, geführt. Das Land behielt nur einen kleinen Rest von fünf Prozent.

Der neue Betreiber wurde auf ein Sozialkonzept und Arbeitsplatzgarantien bis 2010 verpflichtet. Das Universitätsklinikumsgesetz schreibt zudem vor, dass die Verantwortung für Forschung und Lehre beim Land bleiben muss. Die Dekane der beiden (weiterhin getrennten) Fakultäten haben in Angelegenheiten des Uniklinikums Beratungs-, Antrags- und Informationsrecht, allerdings kein Stimmrecht, wie das der Wissenschaftsrat zunächst gefordert hatte.

„Vor zehn Jahren war es überhaupt noch kein Thema, aber in zehn Jahren wird es wahrscheinlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass ein Drittel der Unikliniken privat geführt werden, und das wird sich auch auf die Bereiche Forschung und Lehre ausdehnen“, meint Strehl. Er plädiert dafür, vorurteilsfrei zu prüfen, was von den privaten Betreibern zu erwarten ist. Für Staatssekretär Leonhard ist das in einem Punkt schon klar: „Wir haben in Gießen und Marburg endlich die Investitionen, die das Land allein nicht schultern konnte.“

So musste sich der Käufer verpflichten, bis 2010 für neue Bauten 260 Millionen Euro bereitzustellen. Pro Jahr müssen zudem zehn Prozent der Gewinne in Forschung und Lehre fließen. Den Kaufpreis von 112 Millionen wird das Land in eine Stiftung zur Förderung der Universitätsmedizin stecken, wie Leonhard versicherte. „Der Deal ist gelungen“, sagte Strehl , „doch Privatisierung bleibt ein Experiment, das man weiter beobachten muss.“

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