Gesundheit : „Unis an Zahl der Leibniz-Preise messen“

Theodor Hänsch neuer Ehrendoktor der FU – Nobelpreisträger prüft jetzt, ob das All früher anders war

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Herr Hänsch, haben Sie heute schon Sudoku gemacht?

Was bitte?

Ganz Deutschland ist im Sudoku-Fieber.

Da bin ich wohl nicht auf der Höhe der Zeit.

Es sind Zahlenrätsel, die jetzt in vielen Zeitungen täglich abgedruckt werden.

Das werde ich ausprobieren, ich habe einen „Tagesspiegel“ auf dem Zimmer. Es könnte ein gutes Training sein.

Als Sie den Nobelpreis zugesprochen bekamen, haben Sie gesagt, Sie fürchteten sich vor den vielen Verpflichtungen. Ist es so schlimm gekommen?

Ich versuche, das Angenehme herauszuziehen. Man lernt interessante Menschen kennen, und das Reisen kann reizvoll sein. Aber derzeit ist mein Kalender randvoll, und das ist mir zu viel.

Sie werden jetzt erneut ausgezeichnet von der Freien Universität (FU). Sie ist eine der Hochschulen, die beim Exzellenzwettbewerb ausgewählt wurden. Halten Sie den Weg, der mit diesem Wettbewerb eingeschlagen wurde, für richtig?

Ich weiß nicht. Exzellente Leute haben viel Zeit damit verbracht, dicke Anträge zu schreiben; vieles ist mit heißer Nadel gestrickt, um den Termin einzuhalten.

Was schlagen Sie vor?

Von der Leibniz-Gesellschaft werden exzellente Individuen identifiziert, die Preisgelder von etwa 1,5 Millionen Euro erhalten, um ihre Ideen zu verwirklichen. Ich könnte mir vorstellen, die Universitäten an der Zahl der Leibniz-Preisträger zu messen.

Ihr Schüler Markus Greiner, letztjähriger Träger des Otto-Klung-Weberbank-Preises der FU, hat sich entschieden, nach Harvard zu gehen. Heißt das, dass deutsche Unis oder außeruniversitäre Institute noch nicht mit den USA mithalten können?

Das zeigt, dass wir noch keine Universität haben, die sich mit Harvard messen kann. Doch es gibt auch andere Beispiele. So hat sich Immanuel Bloch trotz Angeboten amerikanischer Universitäten entschieden, in Deutschland zu bleiben – etwa wegen der Ausstattung der Lehrstühle und der Stellen, die daran hängen.

Bloch wurde dann 2003 mit 31 Jahren Professor in Mainz und erhielt 2005 den Leibniz-Preis. Aber ist das nicht ein Einzelfall?

Nehmen Sie meinen Mitarbeiter Tobias Kippenberg. Er ist vom Caltech (California Institute of Technology) nach Deutschland zurückgegangen, um sich zu habilitieren. Er sagt, er schätze besonders, dass hier – anders als in Amerika – Techniker mit Ingenieurausbildung zur Verfügung stehen.

Einer, der sich erfreulicherweise auch entschieden hat, hier zu bleiben, das sind Sie. Ist denn jetzt geklärt, dass Sie ihre Arbeit auch nach dem 65. Geburtstag weiterführen können?

Von Seiten der Max-Planck-Gesellschaft schon. Ich kann bis zum 70. Lebensjahr in meiner jetzigen Funktion voll weiter- machen, später als Emeritus mit guter Ausstattung. Was die Münchner Universität betrifft, so hat Staatsminister Goppel versprochen, alles dafür zu tun, dass ich dort weitermachen kann. Bisher hat sich aber noch nichts Konkretes ergeben.

Man versteht ja nicht, warum es in Ihrem Fall und auch bei anderen kreativ Schaffenden eine Altersgrenze geben sollte?

Es ist unsinnig, nur formal das Alter als Kriterium zu nehmen und nicht die wissenschaftliche Produktivität. Das hängt mit unserer Vorliebe für starre Regeln zusammen.

Hatte die Unsicherheit Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

In den letzten Jahren ist meine Arbeitsgruppe, die im Mittel etwa 30 Mitarbeiter hatte, etwas geschrumpft, weil nicht klar war, ob ich in Deutschland bleiben werde. Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, nach Amerika zu gehen. Jetzt wächst die Gruppe wieder. Gerade sind drei neue Doktoranden gekommen.

Bei ihrer Forschung wollen sie mit der Frequenzkamm-Technik die Relativitätstheorie testen. Worum geht es da?

In den Modellrechnungen geht man bisher davon aus, dass Naturkonstanten wirklich konstant sind. Nun gibt es astronomische Beobachtungen, wonach die Konstanten vor vielen Milliarden Jahren anders gewesen sein könnten. Es geht um winzigste Änderungen von bis zu zehn hoch minus 16 pro Jahr.

... das sind 15 Nullen hinter dem Komma.

Das kann man nicht durch astronomische Beobachtung klären, das muss man im Labor messen. Die Frequenzkamm-Technik kann sogar Genauigkeiten von zehn hoch minus 17 schaffen.

Um welche Konstanten geht?

Die erste Konstante, bei der man Änderungen vermutet hat, ist die elektrische Feinstrukturkonstante. Aber auch das Verhältnis der Elektronen- zur Protonenmasse könnte im frühen Universum ein wenig anders gewesen sein als heute. Das wurde jetzt aus Spektrallinien von Wasserstoffmolekülen im Licht ferner Quasare geschlossen.

Was hätte das für Konsequenzen?

Es ist schon die Frage, ob der liebe Gott am Anfang gar keine Wahl hatte und mit vorgegebenen Naturkonstanten arbeiten musste. Es ist ja erstaunlich, dass das Universum gerade diese Konstanten hat. Wären sie nur um ein halbes Prozent anders, wäre Leben unmöglich.

Warum das?

Wenn das Proton ein wenig schwerer wäre als das Neutron, dann gäbe es keine Wasserstoffatome, und biologische Moleküle wären nicht möglich.

Sie stellen sich die Frage, ob Gott keine Wahl hatte. Glauben Sie an Gott?

Nicht als Person, aber als Manifestation der Spielregeln der Natur. Jedenfalls wissen wir nicht, wie alles entstanden ist.

Denken Sie oft über Philosophisches nach?

Das ist wohl eine Beschäftigung, der sich ältere Physiker eher hingeben als zu Zeiten, in denen sie noch viel im Labor sind.

Was bedeutet die Ehrenpromotion der FU für Sie? Sie haben ja wahrscheinlich schon viele bekommen.

Nein, es ist meine erste Ehrenpromotion. Ich freue ich mich sehr darüber.

Das Gespräch führte Paul Janositz

Theodor W. Hänsch (64), Direktor am Max-Planck-Insitut für Quantenoptik in Garching und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, erhielt 2005 den Nobelpreis für Physik. Von 1970 bis 1986 forschte er an der Stanford-Universität in Kalifornien. Am vergangenen Freitag erhielt Hänsch die Ehrenpromotion des Fachbereichs Physik der FU. Als „Vorbild für die Wissenschaft“ bezeichnete ihn FU-Präsident Dieter Lenzen. Die „enge Verbundenheit“ der FU zu Hänsch dokumentiere auch die Auszeichnung mit dem Otto-Klung-Preis 1979. In der anschließenden „Einstein Lecture“ zeichnete Hänsch die Entwicklung seiner wichtigsten Entdeckung, der Frequenzkamm-Methode, nach, mit der sich die Frequenz von Laserlicht extrem genau bestimmen lässt. pja

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