Gesundheit : Universität Greifswald: Stadt an der Ostsee vorn

Bärbel Schubert

Bachelor- und Masterstudiengänge wollen alle - jedenfalls all diejenigen, die in Wissenschaftsorganisationen und in der Politik Studienreformen planen. Denn das Studium dauert bis zum ersten Abschluss, dem Bachelor, sechs Semester und ist damit mindestens zwei Semester kürzer als bis zum traditionellen Diplom oder Magister.

Eine kleine Universität nahe der Ostsee schreitet bei der Studienreform voran: In Greifswald sind in den Geisteswissenschaften bereits 28 Bachelor-Studiengänge entstanden. In der Informatik steht der Start bevor. Und sogar im Traditions- und Staatsexamensfach Jura haben die ersten Studenten ihre Bachelor-Studien aufgenommen. An anderen Universitäten heißt es oft, die Staatsexamensstudiengänge (für Juristen und Lehrer) seien am schwierigsten umzustellen. Nach der Entwicklung der grundständigen Bachelor-Studiengänge werden nun die aufbauenden und vertiefenden Masterstudien vorbereitet.

In Greifswald ist man stolz auf die Vorreiterrolle. Rektor Hans-Robert Metelmann reklamiert eine "Meinungführerschaft" seiner Hochschule bei den gestuften Studiengängen. Dabei ahnt man, dass die Begeisterung der Professoren und Fachbereiche für die neue Studienstruktur nicht immer überschäumte. Doch nun sind alle dabei. Der Stifterverband unterstützt das Engagement. Und die Philosophische Fakultät kann sich für die Entwicklung der Konzepte als Modellversuch auf Mittel der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung stützen. In finanzknappen Zeiten mehr als ein Anreiz.

Eine Rarität ist der Jura-Bachelor. Bei den Studenten findet er regen Anklang. Auf Anhieb immatrikulierten sich über 50 von ihnen für das neue Angebot. Fragt man sie, was ihnen gefällt, hört man folgende Antworten: "Ich habe vorher schon für das Staatsexamen studiert und hatte eine Lehre beim Steuerbüro abgeschlossen. Als dann Jura kombiniert mit Betriebswirtschaft angeboten wurde, dachte ich mir: Das ist es!", erzählt Manuela Schmidt (23). "Mir gefällt das Englisch-Angebot", meint Ilka Krakow (20), die vorher schon in den USA war. "Rhetorik braucht man doch auch unbedingt, wenn man hinterher Anwalt werden will", hat sich dagegen Maria Ulrich (20) überlegt und bedauert, dass dafür im Staatsexamens-Studiengang keine Kurse angeboten werden. Die zusätzlichen Jobchancen durch die Wirtschaftswissenschaften locken ihren Kommilitonen Steffen Behrendt (19).

Der Dekan der Juristischen Fakultät, Claus Dieter Classen, räumt ein, dass die traditionelle Juristenausbildung nur für einen "begrenzten Marktanteil tauglich ist". Die Diskussion um Verbesserungen dauert inzwischen schon Jahrzehnte, ohne dass die Justizminister einschneidende Veränderungen wie die Abschaffung des Referendariats beschlossen hätten. "Wir können den Staatsexamens-Studiengang solange gar nicht abschaffen, wie nur er Zugang zum größten Arbeitsmarkt für Juristen, den öffentlichen Dienst, bietet", erläutert Classen.

Viele absolvieren beides

Was also tun? Viele der jungen Leute haben den späteren Beruf von Anfang fest im Blick und wollen später ganz pragmatisch eine gute Stelle. Das ist in der strukturschwachen Region Mecklenburg-Vorpommerns nicht einfach. Und zum Weggehen sind die Anfang-Zwanzigjährigen (noch?) nicht entschlossen. Worauf sie sich spezialisieren wollen, wissen eigentlich alle Studenten in diesem Alter nicht so genau. Was liegt näher, als möglichst viele Qualifikationen zu sammeln? Also das Staatsexamen abzulegen und damit die Aussicht auf eine Laufbahn als Richter oder Staatsanwalt und auf eine Arbeit als Anwalt offenzuhalten. Denn ohne Staatsexamen gibt es auch keine Zulassung zum Anwalt.

Gleichzeitig wollen die ungeheuer eifrigen und engagierten Studenten auf die begehrten "Soft-Skills" - Fremdsprachen und Rhetorik - aber nicht verzichten. "Die Besten werden ohnehin beides abschließen", meint Jura-Professor Wolfgang Joecks und berichtet, dass er sich schon in den frühen 80er Jahren für eine Reform des Jurastudiums eingesetzt habe, damals noch in Kiel. Die Wartezeiten auf den zwingenden zweiten Ausbildungsabschnitt zum oft gewünschten "Volljuristen" betragen beispielsweise in Hamburg inzwischen rund zwei Jahre. "Da kann man nach dem ersten Staatsexamen die Bachelorprüfung zwischenschalten".

Wer ganz schnell ist, erreicht in dieser Zeit vielleicht sogar den Master. Der Studiengang mit Vertiefungsmöglichkeiten in Marketing und Vertrieb, Rechtsvergleich und Europarecht, Verbände und Verwaltung, Steuern und Wirtschaft, Kriminologie oder deutsches Recht für ausländische Studenten wird gerade vorbereitet.

Der grundständige Bachelor-Studiengang ist durch eine Entkernung des Staatsexamens-Studiengangs entstanden. "Wir haben uns auf das Zivilrecht konzentriert", sagt Joecks. Mit 34 Semesterwochenstunden (SWS) wird dies in beiden Studiengängen ungefähr im gleichen Umfang angeboten. Abstriche wurden hauptsächlich beim Strafrecht (14 statt 21 SWS) und beim Öffentlichen Recht (23 statt 33) gemacht. Dennoch sind die Bachelor-Studenten am Anfang durch die Zusatzangebote in Wirtschaftswissenschaften und die Soft-Skills deutlich mehr gefordert.

Der alte Vorwurf, das Jura-Studium sei zu sehr auf das Richteramt fixiert, ist für das neue Greifswalder Angebot wohl ausgeräumt. Doch die wichtigste Frage für die Studenten ist, wie potenzielle Arbeitgeber regieren. Zwei "Recruiter" für Unternehmensberatungen haben durch ihr Kommen zur Konferenz in Greifswald ihr Interesse schon deutlich gezeigt. "Für das Prüfungswesen werden wir wohl Bachelor einstellen", meint Katharina Klages von der KPMG Treuhandgesellschaft. "Im Anwaltsbereich bleibt es sicher beim Volljuristen." Auch Ulrich Siegemund von der Unternehmensberatung Arthur Anderson versichert den Studenten, dass er an den Absolventen grundsätzlich Interessehat. Doch zuerst will man natürlich die fertigen Absolventen sehen. Und die werden frühestens in zweieinhalb Jahren die Hochschule verlassen.

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