Gesundheit : Universität Leipzig: Neues Gesicht nach dem Sozialismus

Heiko Schwarzburger

Was der Krieg nicht schaffte, sprengte Ulbricht weg: 700 Kilo Dynamit brauchten die sozialistischen Bauarbeiter am 30. Mai 1968, um die 700 Jahre alte Paulinerkirche am Leipziger Augustusplatz dem Erdboden gleich zu machen. Binnen Sekunden fielen der gotische Turm und das Kirchenschiff. Auch die berühmte Orgel versank im Staub, auf der Johann Sebastian Bach zahlreiche seiner Werke uraufgeführt hatte. Wenige Tage später brach das benachbarte Hauptgebäude der Universität, das Augusteum, zusammen. Eine der ältesten Universitäten Deutschlands verlor ihr Gesicht und Leipzig seine Mitte.

Anlässlich der bevorstehenden 600-Jahr-Feier im Jahr 2009 will die Universität alte Wunden schließen: Ein neues Unizentrum soll an das historische Ensemble erinnern. Seit Monaten feilt eine Arbeitsgruppe im Dresdener Regierungspräsidium an den Details der Ausschreibung. Nach 1968 hatte Ulbricht eine "sozialistische Universität" an die Stelle des mittelalterlichen Paulinerklosters geklotzt. Die realsozialistische Verwaltungsbau mit dem Relief von Karl Marx und der die Stadt weithin überragende Büroturm künden noch heute davon. Doch die nüchternen Zweckbauten sind dringend sanierungsbedürftig, zudem platzt die Hochschule aus allen Nähten.

Das Kroch-Hochhaus, von den Leipzigern "Weisheitszahn" genannt, wurde bereits an ein privates Konsortium verkauft, dort zieht der Mitteldeutsche Rundfunk ein. Das 30 Jahre alte Hörsaalgebäude, das die Westseite des Augustusplatzes unübersehbar "ziert", soll renoviert werden. Geplant sind eine neue Mensa für 900 Studenten, ein neues Gebäude für die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät und ein repräsentativer Neubau mit Aula und großem Hörsaal, in dem über 800 Menschen Platz finden sollen. Thomas Topfstedt, Professor für Kunstgeschichte an der Universität, nahm für den Rektor mehrere Varianten unter die Lupe: "Wir wollen dem Bau kein historisierendes Kleid überstülpen, sondern den Architekten überlassen, wie sie an die Paulinerkirche erinnern."

Bis heute haben die Leipziger die Sprengung der Paulinerkirche nicht verwunden. Um die neue Aula am Augustusplatz entbrannte eine heiße Diskussion. Der Paulinerverein, in dem rund 300 zum Teil namhafte Leipziger aus aller Welt vertreten sind, hatte sich Anfang der 90er Jahre für den Wiederaufbau der 1240 geweihten Kirche stark gemacht. Nach dem Vorbild der Frauenkirche sollten rund 100 Millionen Mark gesammelt werden. "Aber in Dresden standen wenigstens noch die Fundamente, der Platz war als Trümmerberg und Ort des Gedenkens erhalten", meint Otto Künnemann, der Geschäftsführer des Bürgervereins. "In Leipzig wurde sofort, nach dem die Trümmer beseitigt waren, eine sozialistische Universität hingesetzt."

Über dem Eingang der Hochschule prangt ein klobiges Relief, Marx zu Ehren. Im vergangenen Jahr installierte der Paulinerverein einen Stahlrahmen über dem Relief, der die Umrisse der alten Kirche nachzeichnet. "Doch uns läuft die Zeit weg", gesteht Otto Künnemann. Wohl aus Pragmatismus fordert die Bürgerinitiative nun, dass der Neubau angemessen an die historischen Gemäuer der Universität erinnern soll. Vom originalgetreuen Wiederaufbau der Paulinerkirche ist keine Rede mehr.

Nur ein Teil der alten Pracht

Von der Paulinerkirche sind zahlreiche Pläne und Fotos erhalten, die Universität besitzt eine ganze Sammlung mittelalterlicher Kunstschätze, die in den Stunden vor der Sprengung aus dem Kirchenschiff gerettet werden konnten. Der berühmte Flügelaltar schmückt heute die Thomaskirche. "Wir möchten, dass wenigstens der alte Kreuzgang als Eingang zur Aula und als Durchgang zum Innenhof des neuen Unizentrums wieder aufgebaut wird", hofft Wolfgang Behrendt, der umtriebige Vorsitzende des Paulinervereins. "Auch die Dachreiter sollten als typisches Merkmal zum äußeren Bild gehören."

Berühmt war die Paulinerkirche wegen ihres prachtvollen Portals und der großen Fensterrosette, die der Architekt Arwed Roßbach Mitte des 19. Jahrhunderts an der Ostfassade anfügte. Das benachbarte Augusteum hatten Schinkel und Geutebrück entworfen. Es entstand erst 1830 auf den Ruinen des mittelalterlichen Dominikanerklosters.

Nach der Reformation hatte Herzog Moritz von Sachsen 1543 das Kloster und die Paulinerkriche der Universität übertragen. 1545 weihte Martin Luther die Kirche zur evangelischen Universitätskirche, in der bis nach dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig Feste oder Gottesdienste stattfanden.

Bislang lagern die Kunstschätze der Paulinerkirche in den Magazinen der Kustodie. Einigkeit besteht unter den Planern darin, sie im neuen Aulagebäude in einer Dauerausstellung zu präsentieren. Dazu gehören unter anderem die Bronzegrabplatte der Herzogin Elisabeth von Sachsen sowie weitere Grabplatten aus dem 16. Jahrhundert. Auch die prachtvolle Kanzel, die Valentin Schwarzenberger 1738 schuf, zahlreiche Wandgemälde zur Geschichte der Bibel und des Dominikaner-Ordens liegen bislang verborgen in den Gewölben der Universität. "Nahezu sämtliche Objekte müssen vorher aufwendig konserviert und restauriert werden", erklärt Rainer Behrends, der Kustos der Universität. "Dies erfordert sehr viel Geld und dauert mindestens fünf Jahre."

Rund 180 Millionen Mark hat der Freistaat Sachsen für die neue Leipziger Universität im Rahmenplan des Bundes für den Hochschulbau angemeldet. Am Neubau für die Wirtschaftswissenschaften soll ein privater Investor beteiligt werden. "Die Universität hat ihre alten Grundstücke am Augustusplatz vom Freistaat zurückerhalten", erläutert Uni-Kanzler Peter Gutjahr-Löser. "Durch Ladengeschäfte, die ein privater Bauherr schafft, erwarten wir Beiträge für die Errichtung der Universitätsaula, die sonst im vorgesehenen Umfang nicht finanziert werden könnte."

Begutachtung fehlt noch

Bislang hat der Bund seinen Anteil von 90 Millionen Mark noch nicht genehmigt, denn die Stellungnahme des Wissenschaftsrats steht noch aus. Dennoch will die Universität im Frühsommer den Bauantrag stellen. Sobald die neuen Gebäude stehen und die alten Teile saniert sind, könnten die Wirtschaftswissenschaftler dann aus ihrem Exil in der früheren Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) an der Jahnallee im Westen in das Zentrum der Stadt zurückkehren. Die DHfK war die Kaderschmiede des DDR-Sports. In den 50er Jahren errichtet, sind die Gebäude für eine moderne Massenuniversität kaum geeignet.

Die Erziehungswissenschaften, derzeit noch in einem maroden Komplex im ehemaligen Industrierevier in Leipzig-Plagwitz ansässig, sollen dann in die Gebäude der einstigen DHfK umziehen. Die Juristen, deren Institute im Stadtzentrum liegen, könnten von den neuen Lehrgebäuden am Augustusplatz gleichfalls profitieren. Die Mathematiker und Informatiker werden dagegen weiter im sanierten Hörsaalzentrum aus den 70er Jahren residieren.

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