Gesundheit : Universität vor neuen Herausforderungen

Jutta Limbach

Seit dem Beginn der siebziger Jahre ist die Reform ein Dauerthema der deutschen Universität. Das Ideal zweckfreier Wissenschaft "in Einsamkeit und Freiheit" war bereits damals angesichts der Dynamik des technologischen Wandels fragwürdig geworden. Die sprunghafte Expansion vor allem der Naturwissenschaften, die fortschreitende Spezialisierung und Arbeitsteilung und nicht zuletzt die wachsenden Studentenzahlen stellten die Universität vor kaum zu meisternde Aufgaben. Alle diese Umstände wirken unvermindert fort.

Zum Thema Online Spezial: Uni-Start Die Freiheit von Forschung und Lehre bewahrt nicht vor der Erkenntnis, dass sich noch jede gesellschaftliche Krise in der Universität niederschlägt. Die Weltläufigkeit des Kapitals, die entgrenzte Wirtschaft, der verschärfte internationale Wettbewerb in Wirtschaft und Wissenschaft sowie die Finanznot der öffentlichen Haushalte werden unmittelbar in Vorwürfe und Forderungen an die Adresse der Universität umgemünzt. In der gegenwärtig von allen Seiten auf die Universität hereinbrechenden Kritik werden die unterschiedlichen Leitbilder von einer guten Universität deutlich. So vermissen Politik und Wirtschaft Effizienz in Forschung und Lehre, vor allem qualifizierten akademischen Nachwuchs. Auch Forschung und Lehre sollen sich rechnen. Auf den Output komme es an. In der Lesart der Wirtschaft muss es Ziel einer grundlegenden Reform sein, das deutsche Hochschulwesen zu einer tragenden Säule des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts Deutschlands zu machen. Gleichermaßen unverblümt wie fordernd wird hier die Universität als ökonomischer Faktor, ja als Antriebskraft der Wirtschaft betrachtet.

Das einzige Ziel der Wissenschaft, so Brecht im Leben des Galilei, bestehe darin, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. Das Grundgesetz geht die Dimension der gesellschaftlichen Verantwortung vermittelter an. Es garantiert die Freiheit von Forschung und Lehre, damit diese sich ungehindert durch äußeren Druck in dem Bemühen um Wahrheit entfalten können. Gerade eine von gesellschaftlichem und politischem Nützlichkeitsdenken freie Wissenschaft dürfte Staat und Gesellschaft am besten dienen. Auch enthebt diese Autonomie den Forscher und Lehrer nicht davon, sich mit gesellschaftlichen Problemen auseinander zusetzen. Denn dieser Freiraum sei, so das Bundesverfassungsgericht, für eine letztlich dem Wohle des Einzelnen und der Gemeinschaft dienende Wissenschaft verfassungsrechtlich garantiert. Das bedeutet nicht, das nur gesellschaftlich nützliche Forschung betrieben werden darf. Doch sind angesichts der schweren Gefahren, die die Entwicklung der modernen Wissenschaft in sich birgt, bei der Konzeption und Beurteilung von Forschungsvorhaben die gesellschaftlichen Folgen mitzubedenken.

Denn die Freiheit der Wissenschaft ist nicht grenzenlos. Das gilt vor allem dann, wenn der Schutzbereich der verfassungsrechtlichen Garantie der menschlichen Würde berührt ist. Dann hat die Freiheit der Forschung zurückzutreten, weil das Bekenntnis zur Unantastbarkeit der Menschenwürde den obersten Rechtswert unserer Verfassung darstellt.

Die gegenwärtige Diskussion um die Grenzen und Möglichkeiten der Gentechnik macht die Notwendigkeit eines ethischen Diskurses auch und gerade in den life sciences deutlich. Die Naturwissenschaften können diese Frage nicht schlicht der Philosophie überantworten; denn es geht um ihr Arbeitsethos. Auch verfügt die Philosophie nicht über eine Bioethik. Die sich gegenwärtig stellenden ethischen Fragen können daher nur in einem die Fächer übergreifenden und die Gesellschaft mit einschließenden Dialog beantwortet werden.

Die Universität darf sich weder dem blinden Forschungstrieb hingeben noch sich ausschließlich den Bedürfnissen der Praxis verschreiben, wenn sie nicht zur Wissensfabrik und abgemagerten Berufsschule degenerieren will. Es genügt nicht, die Studenten in beruflichen Fertigkeiten zu unterweisen. Sie müssen in einer Zeit überbordenden Wissens und sich wandelnder Anforderungen das Lernen lernen. Sie müssen weltoffen und fächerübergreifend zu handeln und zu denken vermögen. Aber vor allem muss ihnen das Arbeitsethos der Universität nahegebracht werden. Das heißt: Wissbegier mit Zweifelssinn zu paaren, kritikfreudig wie kritikverträglich zu sein und als politisch verantwortlicher Staatsbürger zu handeln.

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