Gesundheit : Universitäten fürchten Horrorszenario

Eine halbe Milliarde Euro könnte die Stadt an den Universitäten sparen – wenn sie zwei von ihnen schließt

Anja Kühne[Amory Burchard],Tilmann Warnec

Aus Sicht der Karlsruher Richter gibt Berlin für seine Hochschulen und die Wissenschaft „deutlich mehr“ aus als der Stadtstaat Hamburg. Stimmt das?

In der Tat hat Berlin mehr Hochschulen und mehr außeruniversitäre Einrichtungen als Hamburg. In Berlin sind 138 000 Studierende eingeschrieben, in Hamburg nur etwa 59 000. Vier Universitäten, drei Kunsthochschulen und zehn Fachhochschulen kosten Berlin in diesem Jahr 1,35 Milliarden Euro. Hamburgs drei Universitäten, zwei künstlerische Hochschulen und eine Fachhochschule kosten jährlich weniger als die Hälfte: 518 Millionen Euro. Für die außeruniversitäre Forschung – Berlin ist Sitz von über 70 öffentlich finanzierten Einrichtungen – gibt das Land jährlich 150 Millionen Euro, Hamburg 67,9 Millionen Euro aus.

Berlins Finanzsenator geht, wie jetzt bekannt wurde, davon aus, dass Berlin bei den Hochschulen weitere 520 Millionen Euro sparen könnte, bei der außeruniversitären Forschung 140 Millionen. Denn so viel mehr gebe Berlin im Vergleich zu Flächenländern aus. Um diese Summe zu erbringen, müsste Berlin, das kein Flächenland, sondern ein Stadtstaat ist, zwei große Unis schließen sowie fast alle außeruniversitären Forschungseinrichtungen – ein Horrorszenario.

Leistet sich Berlin wirklich zu viel Wissenschaft? Wissenschaftssenator Thomas Flierl (Linkspartei) wollte sich gestern nicht zum Karlsruher Urteil äußern. Der Senator schließe sich aber der Position seiner Partei an, die an den Prioritäten Bildung, Wissenschaft, Kultur, Armutsbekämpfung und Arbeitsmarktpolitik festhalten wolle, sagte seine Sprecherin Brigitte Reich dem Tagesspiegel: „Das Urteil beruht offensichtlich auf alten Zahlen und auf dem Vorurteil, die Berliner Universitäten seien schlecht und teuer. Das ist aber längst widerlegt.“

Tatsächlich spricht der Wissenschaftsrat schon seit langem nicht mehr von einer Überausstattung Berliner Hochschulen. Schon im Jahr 2000 warnte das Expertengremium nachdrücklich davor, die Zahl der ausfinanzierten Studienplätze unter 85 000 zu senken. Berlin schlug diese Warnung, der Bund und Länder damals einhellig zustimmten, jedoch in den Wind. Die Zahl der Studienplätze ist nach der letzten Sparrunde auf 79 000 gesunken, auf denen rund 138 000 Studierende immatrikuliert sind. Etwa 220 Professorenstellen fallen weg, eine Reihe von Fächern wird abgewickelt.

Denn bis 2009 müssen die drei großen Unis 75 Millionen Euro einsparen. Außerdem mussten sie in den Jahren 2004 bis 2005 einen einmaligen Beitrag zur Konsolidierung des Landeshaushalts von 54 Millionen Euro erbringen. Die Hochschulmedizin wurde fusioniert, um 98 Millionen bis 2009 zu einzusparen. Berlins Unis haben seitdem einen flächendeckenden Numerus clausus verhängt. Weil sie Berliner Abiturienten aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht bevorzugen dürfen, sinken für diese die Chancen, in ihrer Heimatstadt einen Studienplatz zu finden.

Auch sind die Hochschulen keineswegs nur Kostgänger des Landes. „Lieber Schlaglöcher als Studienplatzabbau“, empfiehlt deshalb Gert Wagner, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Mitglied des Wissenschaftsrats. Berlins Wissenschaft dürfe „als eines der wenigen Wachstumsfelder der Stadt“ nicht angegriffen werden. Wer nun Unis verkleinern oder gar schließen wolle, verschenke Wachstumschancen und mache Berlin unattraktiv. Eher könnte der Straßenbau vernachlässigt werden. Allerdings sei das Karlsruher Urteil „ein weiterer Grund, über Studiengebühren in Berlin nachzudenken“.

Berlins Unis haben bereits große Opfer gebracht. Schon in den neunziger Jahren strich Berlin Zehntausende seiner damals noch 115 000 Studienplätze. Rund 500 Millionen Euro wurden gespart. Die Unis mussten jeweils über ein Drittel ihrer Professuren abbauen. Insgesamt wurde damit gleichsam eine ganze Hochschule in der Hauptstadt gestrichen.

Aber warum sind Hamburgs Lehrstühle im Durchschnitt etwas billiger als die in Berlin (334 740 Euro gegenüber 367 620 Euro)? „Hamburg als Messlatte für die Wissenschaft zu nehmen, ist so abwegig, dass man an der Urteilsfindung der Richter zweifeln muss“, sagt Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität. In der Tat ist der Vergleich schlecht gewählt. Berlins Unis gehören anders als Hamburgs bundesweit zu den Spitzen in der Forschung. Vor allem hat Hamburg auch weniger teure Professuren in der Medizin oder den Ingenieur- und Technikwissenschaften als Berlin. Zum Beispiel sind an der TU Hamburg-Harburg nur 5900 Studierende eingeschrieben, an der TU Berlin dagegen 28 000. Schon deshalb ist es nicht erstaunlich, dass Hamburgs Professuren etwas günstiger als Berlins sind. Von der Ausbildungsleistung Berlins, auch gerade in den teuren Fächern wie den Ingenieurwissenschaften, profitiert aber ganz Deutschland, denn nur 45 Prozent der Studierenden sind Landeskinder (siehe Kasten).

Wollte man die Kosten für Berlins Hochschulen mit denen anderer Länder vergleichen, müsste man ähnlich leistungsstarke Unis betrachten, die man in Norddeutschland nicht findet. Im Vergleich etwa zur TU München, zu Aachen oder Karlsruhe ist ein Lehrstuhl für Maschinenbau oder Elektrotechnik an der TU Berlin deutlich preiswerter. Wegen der guten Ausstattung mit Personal kostet ein Lehrstuhl an diesen süddeutschen Unis über eine Million Euro im Jahr. An der TU Berlin sind es lediglich 729 309 respektive 672 367 Euro (inklusive hoher Mietkosten).

Der Präsident der Humboldt-Universität, Christoph Markschies, sagte, wenn sich die Karlsruher Kritik an den Kosten für die Wissenschaft auf die zu hohen Personalkosten beziehe, müsse gehandelt werden. Alle Hochschulen hätten einen großen Personalüberhang von nichtwissenschaftlichem Personal, der bislang nicht abgebaut werden könne. Deshalb müsse über das Verbot der betriebsbedingten Kündigungen diskutiert werden.

„Neue Kürzungen bei den Universitäten würden auch die Chancen der Hochschulen im Elitewettbewerb senken“, sagte FU-Präsident Lenzen. Er erwarte vom Regierenden Bürgermeister deshalb ein unmissverständliches Bekenntnis zur bisherigen Wissenschaftspolitik.

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