Gesundheit : Universitätsfinanzen: Professor ohne Studenten

Hermann Horstkotte

Zehntausend Mark Monatsgehalt suchen eine amtliche Verwendung. Ungefähr so viel verdient Universitätsprofessor Karl Hörmann, Fachvertreter für Musik- und Tanzpädagogik an der Sporthochschule Köln. Sein dortiges Lehrdeputat hat die damalige Wissenschaftsministerin Anke Brunn 1998 von acht auf zwei Semesterwochenstunden reduziert. Die übrigen sechs soll der vieltalentierte Schul- und Kirchenmusiker, Komponist, Doktor der Pädagogik sowie Doktor der Sozialwissenschaften und psychotherapeutische Heilpraktiker in der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster unterrichten - an seinem Wohnort. Kürzlich teilte aber der Münsteraner Rektor Jürgen Schmidt dem Ministerium mit, dass er "weder derzeit noch zukünftig Bedarf" an der Mitarbeit des 55-jährigen Kölner Hochschullehrers habe. Deshalb wird die Regierung den nicht bedarfsgerechten Hochschullehrer wieder ganz an den Rhein zurückholen. Das erklärte Ministerialrat Klaus Wagner gegenüber dem Tagesspiegel.

Allerdings stößt Hörmanns Lehrangebot auch in Köln nur auf eine schwache Nachfrage. Im vergangenen Sommersemester "bemühte sich keiner der Studenten um eine Teilnahme an den Seminaren", protokollierte die zuständige Hilfskraft nach dem offiziellen Einschreibtermin. Auch für das laufende Wintersemester notierte sie Fehlanzeige: Es "hat sich niemand gemeldet".

"Ich meine, dass es Sache der Universität ist, mir Studenten zuzuführen", sagt der Professor. "Wohingegen ich mir jetzt jeden Studenten in sehr zeitraubender und aufreibender Werbetätigkeit selber besorgen muss." Den Grund für die Erschwernisse erkennt Hörmann in der geistigen Atmosphäre der Sporthochschule. Andere Lehrkräfte hätten ihn bei der Masse der Studenten so in Verruf gebracht, dass die meisten vor seinem Lehr- und Prüfungsangebot zurückschreckten.

Das Oberverwaltungsgericht Münster stellte eine "Zerrüttung der Verhältnisse" zwischen Hörmann und seinen Kölner Kollegen und Mitarbeitern fest, die die Absetzung des Professors als Institutsleiters rechtferige. Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Tanzpädagogen und seinen Sportskollegen sei seit der Berufung 1986 in die Brüche gegangen. Der Akademische Senat der Hochschule hatte 1997 sogar Hörmanns Institut aufgelöst und den bisherigen Geschäftsführenden Direktor auf seine persönliche Professur reduziert. Damals hatte Hörmann die angestammten Institutslehrkräfte mit Ansichten des Komponisten Hans Werner Henze brüskiert: "Turnen kann man abschaffen. Man sollte Tanzen als Hauptfach einsetzen. Tanzen statt Turnen."

Neuerdings moniert der Rektor der Sporthochschule, Walter Tokarski, das Hörmann eine Internetveröffentlichung benutze, um angeblich "ehrverletzende Äußerungen sowie aufhetzende, agitatorische Inhalte" zu verbreiten. Eine der Äußerungen laute, "das Signet der Sporthochschule abzuschaffen" - ein antikisierendes Tempelmotiv -, "da es mit demjenigen der NS-Kulturgemeinde nahezu identisch ist und als offenkundige Reverenz an jene Zeit aufgefasst werden kann."

Hörmann ist keineswegs ein "fauler Professor". Solche herabsetzenden Behauptungen hat das Landgericht Köln untersagt und für Zuwiderhandeln ein Ordnungsgeld bis zu einer halben Million Mark angedroht. Der Gelehrte hat selber ausgerechnet, dass er mit seinen Kölner und Münsteraner Lehrangeboten insgesamt auf weit über ein Dutzend Semesterwochenstunden kommt. Überdies betätigt er sich mit "Musik- und Tanztherapie" an der akademischen Weiterbildung, "Veranstaltungsform: selbsterfahrungsbetonte Wochenenden", Teilnahmegebühren 6000 Mark für drei Semester. In der verbleibenden Zeit schreibt Hörmann Fachbücher, bisher sind es schon gut zehn.

Umso verblüffender erscheint es, dass Münsters Rektor Schmidt keinen Bedarf an Hörmanns Wirken hat. Es kommt ihm offenkundig weniger auf das Geld als auf die Selbstergänzung des Professorenkollegiums durch "Berufungen" an. Vor Jahrzehten wurde dieser Usus schon einmal durchbrochen und soll jetzt nicht erneut passieren.

Der 1999 zwischen der Düsseldorfer Landesregierung und den Hochschulen des Landes geschlossene "Qualitätspakt" sieht bis zum Jahr 2010 einen Abbau von zweitausend Stellen bei den Wissenschaftlern vor. Gleichzeitig soll aber der Hochschullehrer Hörmann in Köln bei vollem Gehalt mit "Kurzarbeit Null" beschäftigt werden. Zehntausend Mark suchen damit Monat für Monat eine zweckmäßige Verwendung. Der 55-Jährige erblickt in dieser Lösung sogar eine Sonderform von "Berufsverbot". Da wiehert der Amtsschimmel.

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