Gesundheit : Universitätsneubauten in Ostdeutschland arbeiten mit Marketing und Kosmetig und Werben um Studenten

Jürgen Tietz

Zwischen den deutschen Universitäten ist ein Kampf um die Kundschaft ausgebrochen. Noch vor Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass Begriffe wie Curriculum und Marktanteil in einem Atemzug genannt werden. Doch inzwischen müssen sich auchMassenuniversitäten um Studenten bemühen. Außerdem sind die finanziell fetten Jahre für die deutschen Universitäten vorbei. Unter dem Druck medienwirksam plazierter Evaluation beginnen sich die Professoren wieder ihrer Studenten zu erinnern. Dabei wird auf dem bundesdeutschen Zeitschriftenmarkt bei der aufgeregten Suche nach dem schnellsten Studiengang, dem putzigsten Professor und der miesesten Mensa eifrig mitverdient.

Anstelle einer angeblich brotlosen Vergeistigung ist heute bei den Studenten Praxisbezug gefragt. Nur was in Mark und Heller zu beziffern ist und der künftigen Karriere dient, hält ihren Ansprüchen stand. Kein Wunder, dass manche Universitätsstudiengänge durch die straffer organisierte Wissensvermittlung der Fachhochschulen erhebliche Konkurrenz bekommen haben.

Die schöne neue Studienwelt sollte auch einen angemessenen Rahmen erhalten. Das wünschen sich viele Hochschulstädte. Im Osten ist wegen des grossen Nachholbedarfs an modernen Hochschulbauten ein Bauboom über die Universitäten hereingebrochen. Beim Ringen um Studienanfänger helfen sie den ostdeutschen Universitätsstädten, die zu Beginn der 90er Jahre gegen das Plattenbauten-Image ankämpfen mussten, einen Standortvorteil zu verschaffen. Auch für Universitäten mit Tradition gehört ambitionierte Architektur zu den Aushängeschildern. Zwar wurde die Wissenschaftsarchitektur zwischen Elbe und Oder nicht neu erfunden, doch es sind in den vergangenen Jahren einige bemerkenswerte neue Bauten entstanden.

Die meisten stammen freilich aus der Hand der großen westdeutschen Architekturbüros. So haben die Hamburger von Gerkan, Marg und Partner mit ihrem Hörsaalgebäude ein kunterbuntes neues Herzstück für die Chemnitzer Universität geschaffen. Die Wandflächen in Blau, Gelb und Rot zeigen: Studieren macht Spaß. Ebenfalls auf Farbe setzt der Kölner Peter Kulka mit seiner wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Ottovon-Guericke-Universität in Magdeburg. Feinfühlig und energisch zugleich setzt er seine neuen Bauteile zwischen den Altbaubestand. Dunkle Ziegelflächen kontrastieren mit gläserner Offenheit. Die farbigen Brandwände erstrahlen in leuchtendem Rot, Blau und Gelb und setzen kraftvolle Akzente. Auf dem gleichen hohen architektonischen Niveau bewegt sich das Bibliotheksgebäude des "Juridicum" in Halle von Gernot Schulz und Thomas van den Valentyn, die wie Kulka ihr Büro in Köln haben. Ihr ruhiger kubischer Bibliotheksbau verwandelt sich im Inneren zu einer Terrassenlandschaft, die auf magische Weise zur Kontemplation zwingt. Die gestaffelten Ebene bieten Raum für Regale und Leseplätze. Für die kleine Lesepause zwischendurch bietet sich die Cafeteria an, deren existenzialistisches Ambiente mit langer Gartenbank aus Holz und dunklen Wandpaneelen den überzeugenden Gesamteindruck dieses Meisterwerks abrundet. Den Architekten ist die Kunst gelungen, ihr Bauwerk in die klassizistische Umgebung des alten Universitätsforums mit dem Aulagebäude einzuordnen.

Nüchterner gibt sich im Vergleich dazu das neue Hörsaalgebäude der BrandenburgischTechnischen-Universität (BTU) in Cottbus. Die gläserne Eingangshalle, die nicht zufällig an den Neubau des Presse- und Informationszentrums der Bundesregierung in Berlin erinnert, lässt die Handschrift des Braunschweiger Architekturbüros KSP Engel und Zimmermann erkennen. Ihr Bau im Stil einer funktional-eleganten Moderne wird durch das mit Aluminium verkleidete Halbrund des großen Hörsaals an der Rückseite des Gebäudes in zusätzliche Bewegung gebracht.

In einer Kleinstadt wie dem nördlich von Berlin gelegenen Eberswalde vermuten wohl die wenigsten einen Ort für innovative Universitätsbauten. Doch gerade die junge Fachhochschule Eberswalde hat es geschafft, sich mit den Neubauten des Schweizer Architektenduos Jacques Herzog und Pierre de Meuron nachdrücklich ins Gespräch zu bringen. Seit Jahren machen Herzog/de Meuron durch ihre ebenso spektakulären wie sinnlichen Bauprojekte von sich reden und untermauern dabei den Ruf, der der kleinen Schweiz als einer bedeutenden Schmiede großer Architektur vorauseilt. In Eberswalde haben die Baseler bereits 1996/97 den Neubau des Seminargebäudes für die Betriebswirtschaft realisiert: ein streng wirkender, dunkelroter Ziegelbau mit weiten Fensteröffnungen. Ebenfalls auf dem Campus der Fachhochschule ist jetzt die neue dreigeschossige Bibliothek entstanden. Eigentlich handelt es sich um ein einfaches, schmales Gebäude, einen rechteckigen Baukörper, der den Campus zur Straße hin abriegelt. Seinem nüchtern reduzierten Innenausbau, der dem minimalen Bauetat von lediglich 5,6 Millionen DM geschuldet ist, steht die aufregende Fassade gegenüber.

Nicht nur das Glas, auch der Beton wurde dabei in einem aufwendigen Verfahren nach einem Entwurf des Künstlers Thomas Ruff vollständig bedruckt. Vor den Augen des Passanten beginnt die Architektur zu sprechen - doch es ist nicht die von anderen Häusern lange vertraute Sprache, deren Worte Säule, Wand und Dach heissen. Statt dessen zeigt die Architektur eine Venus, den Berliner Reichstag aus dem Jahr 1990, die Bernauer Straße von 1961, einen verwunschenen italienischen Garten oder amerikanische Bomber. Diese Bildhülle zieht sich in Streifen um den Bau herum. Unvermutet wird die Aufmerksamkeit des Betrachters durch Bildwelten und Geschichtsbilder gelenkt und in ein Geflecht von Assoziation und Gedanken hineingezogen.

Derart aufregend-anregende Architektur, wie sie die vier Bildwände der schmalen Fachhochschulbibliothek in Eberswalde bieten, findet sich unter Berliner Neubauprojekten nur vereinzelt. Angesichts der Eberswalder Neubauten steigt die Spannung auf die Bibliothek von Herzog und de Meuron in Cottbus. Es darf vermutet werden, dass spätestens mit ihrer Fertigstellung die brandenburgische Stadt auch architektonisch in der obersten Universitätsliga mitspielen wird.

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