Gesundheit : Unreifes Nervensystem als Hort pubertäter Flausen - Erregungshunger bringt es auf krumme Touren

Rolf Degen

In der Pubertät schlagen so viele Heranwachsende über die Stränge und verletzen die gesellschaftlichen Spielregeln, dass für diese Lebensphase der Begriff "Flegeljahre" geschaffen wurde. Launisch und aufsässig, mal aggressiv, dann mimosenhaft empfindlich treiben die Halbstarken ihre Erzeuger systematisch in den Wahnsinn. Nach den neuesten Befunden der Hirnforschung handelt es sich bei den Eskapaden dieser Lebensphase um eine biologische Konstante, die auf eine konstruktionsbedingte Unreife des heranwachsenden Denkorgans zurückzuführen ist.

Mitten in Deutschland leben fast sechs Millionen seltsame, ambivalente Wesen weiblichen und männlichen Geschlechts, die scheinbar nicht von dieser Welt sind. Sie sind elf bis 18 Jahre alt und machen gerade durch, was die Älteren alle irgendwie überstanden haben: die Pubertät, nach den lateinischen Wörtern "pubes" für Schamhaar und "pubertas" für Geschlechtsreife. Es ist die wildeste Zeit des Lebens, die selbst unter günstigen Umständen von milden Exzessen wie schlechten Manieren, Schuleschwänzen, Fahren ohne Führerschein oder einfachem Ladendiebstahl begleitet wird.

Entwicklungspsychologen führten dies lange Zeit auf Hormonwallungen, Abgrenzungsversuche gegenüber den Erwachsenen oder die Suche nach der eigenen Identität zurück. Doch diese Lehrsätze sind ins Wanken geraten, seitdem Neurobiologen das pubertäre Gehirn mit den modernsten bildgebenden Verfahren unter die Lupe genommen haben. Das bisherige Ergebnis der Recherchen fasst die kanadische Hirnforscherin Sandra Witelson so zusammen: "Das Teenager-Hirn ist eine Baustelle." Wenn die lieben Kleinen in die Flegeljahre kommen, helfen weder Strenge noch Nachsicht noch Jugendpsychologie.

Noch bis vor wenigen Jahren glaubten die Wissenschaftler, dass der Biocomputer Gehirn mit Eintritt der Pubertät seine erwachsene Funktionstüchtigkeit besitzt: Alle 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) sind betriebsfähig, und die Abermilliarden von "synaptischen" Querverbindungen haben ihre finale Verdrahtung erreicht. Wenn man sein Gehirn nur mit der richtigen Software füttert (Geschichte, Gegenwartsliteratur und Algebra), muss ein Teenager eigentlich wie ein Erwachsener denken und handeln.

Doch die neuen Ergebnisse machen deutlich, dass pubertäre Gehirne noch unfertige Organe sind. Bis ins frühe Erwachsenenalter, so der Tenor der neuen Studien, setzen sich die Wachstumsprozesse unter der Schädeldecke fort. Manche Nervenbahnen, die für die Kontrolle von Impulsivität und Emotionen verantwortlich sind, erhalten dann erst ihre Isolierung, die Myelinhüllen.

Mit andern Worten: In den Köpfen der Pubertierenden liegen die Nerven blank. Bei Männern wird die Isolierschicht sogar erst im Alter von 30 fertig, stellte die amerikanische Neurobiologin Francine Benes fest. Das könnte erklären, warum Mädchen oft emotional reifer und vernünftiger erscheinen als Jungen. Sehr viel grundlegender sind die Umbauprozesse, die sich in den frühen Teenagerjahren ereignen, gibt der Psychiater Jay Giedd vom National Institute of Mental Health in Maryland zu bedenken. Sein Team hat die Gehirnentwicklung bei 1000 Jugendlichen vor, während und nach der Pubertät vermessen und mit Hilfe der Magnetresonanz-Tomografie durchleuchtet.

Zwar war schon länger bekannt, dass die Verdrahtung der Nervenfortsätze bei der Geburt noch nicht abgeschlossen ist und in den ersten Lebensjahren den letzten Schliff erhält. Doch die Forscher sind nun auf eine zweite Bauphase gestoßen: Sie beginnt mit der Pubertät und endet erst im dritten Lebensjahrzehnt. Das wichtigste Steuerungszentrum, der präfrontale Kortex, arbeitet danach in der Pubertät noch unvollkommen. Die evolutionär neueste, direkt hinter der Stirn angesiedelte Stelle des Gehirns beherbergt die höchsten kognitiven Leistungen wie das vorausschauende Denken.

Man vermutet, dass dieses Zentrum die "Geschäftsführung" über alle komplexen mentalen Operationen ausübt: Es behält den Blick für vorher und nachher, stellt Querverbindungen her und kann aufwühlende Triebe und Impulse hemmen. In dieser Hirnregion ereignet sich im Alter von neun Jahren ein zweiter Wachstumsschub, bei dem Unmengen von neuen Nervenverbindungen geknüpft werden. Erst in den darauf folgenden Jahren werden die überflüssigen und fehlerhaften Verschaltungen zurechtgeschnitten. Bis dahin, meint die Harvard-Psychologin Deborah Yurgelun-Todd, habe der Nachwuchs Schwierigkeiten mit vernünftigen Entscheidungen: "Das muss man lernen, aber man kann es erst lernen, wenn die nötige Hardware im Hirn fertig ist."

Verschlimmert wird das Problem, weil auch das Limbische System, der Ursprungsort der Leidenschaften und Affekte, vergleichsweise schnell reift. Vermutlich unter dem Einfluss der beginnenden Sexualhormon-Produktion beginnt es zu arbeiten und tut, was es tun soll: Es produziert Emotionen - Lust, Ärger oder Depression. Unterstützung für die These liefern Experimente, die Yurgelun-Todd mit Teenagern und Erwachsenen machte. Die Forscherin zeigte beiden Gruppen Fotos von angsterfüllten Gesichtern. Die Erwachsenen deuteten den Gesichtsausdruck immer richtig. Viele Teenager dagegen konnten die Emotion nicht richtig identifizieren.

Warum das so ist, erfuhr die Forscherin, als sie die Tests wiederholte und dabei die Hirnaktivität ihrer Probanden beobachtete. Bei den Erwachsenengehirnen leuchteten die limbischen Emotionsherde und die Entscheidungszentren im präfrontalen Kortex zugleich auf. Bei den Teenagern dagegen sprang zwar das Emotionszentrum an, das Entscheidungszentrum blieb aber fast inaktiv. "Wir glauben, dass Kinder sofort sehen, wenn wir böse auf sie sind. Vielleicht stimmt das nicht", sagt Yurgelun-Todd. Erst wenn die Entscheidungszentrale ausgereift sei, könne das Großhirn Gefühle richtig lesen.

Dazu kommt, dass Heranwachsende aus unerklärbaren Gründen ein übersteigertes Bedürfnis nach Nervenkitzel und Abwechslung haben, betont Marvin Zuckerman, Psychologieprofessor an der Universität von Delaware. "Ungewöhnliche Erfahrungen, besonders jene, die einen Hauch von Gefahr beinhalten, regen offenbar besonders stark das Belohnungssystem des pubertären Gehirnes an." Diese Neu-Gier hilft auch zu verstehen, warum antisoziale Verhaltensweisen wie Ladendiebstahl oder Vandalismus während der Pubertät eine dramatische Zunahme erfahren. Die überwältigende Mehrheit aller Gesetzesübertretungen und anderen krummen Touren wird nach der Statistik von Halbstarken im Alter von zwölf bis 16 Jahren begangen.

Allerdings verdeckt dieses Bild zwei sich überlagernde Tendenzen, hebt Jens Asendorpf, Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin, hervor. Ungefähr zwei Drittel aller (männlichen) Heranwachsenden schlagen während der Pubertät ohne Vorwarnung in der einen oder anderen Form über die Stränge. Aber schon nach wenigen Jahren legt sich dieser "jugendliche Leichtsinn", und die Teenager schlagen den Weg der Tugend ein. "Sich während einer kurzen Phase der Pubertät antisozial zu verhalten, ist also für männliche Jugendliche normal", tröstet der Psychologe leidgeplagte Eltern.

Eine Minderheit von ungefähr fünf Prozent verharrt jedoch weit über die Pubertät hinaus auf der schiefen Bahn. Es handelt sich dabei fast stets um Jugendliche, die schon in der Kindheit ungewöhnlich aggressiv waren und unter Störungen der Aufmerksamkeit litten. Während der Pubertät erlangen diese "schwarzen Schafe" für eine Weile bei ihren erfahrungshungrigen Altersgenossen eine Vorbildrolle: Sie machen den anderen für eine Weile vor, wie man sich durch tollkühnes und unkonventionelles Verhalten holen kann, was man braucht, etwa Geld oder Ansehen. "Sie entwickeln zwar keine positiven Beziehungen, aber kurzfristig werden sie von Gleichaltrigen bewundert und nachgeahmt." Nach einer Weile legt sich bei den meisten Jugendlichen die Aufsässigkeit, und sie passen sich den gesellschaftlichen Gepflogenheiten an.

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