Gesundheit : Unruhe im Polareis

Riesensturmvögel und Pinguine fliehen vor Touristen und Wissenschaftlern

Roland Knauer

Der Riesensturmvogel mit dem mächtigen Schnabel lässt sich anscheinend nicht aus der Ruhe bringen. Er mustert aufmerksam den Fotografen, der mit klammen Fingern den Auslöser drückt. Vielleicht heben sich die Federn ein wenig, aber das kann auch einer der Windstöße gewesen sein, die hier an der Südspitze der King George Insel gleich gegenüber der Antarktischen Halbinsel immer wieder einmal die Federn aufwirbeln.

Dass der Riesensturmvogel keineswegs ruhig ist, weiß Simone Pfeiffer von der Universität Jena. Die Biologin hat dem Tier ein Mikrofon unter die Federn geschoben, eine Art Stethoskop, mit dem man Herztöne hören kann. Der Puls des Riesensturmvogels beschleunigte sich erheblich, als Hans-Ulrich Peter mit der Kamera näher kam. Der Leiter der Jenaer Arbeitsgruppe Polar- und Ornitho-Ökologie erforscht, wie das Ökosystem des eisigen Kontinents mit den menschlichen Eindringlingen fertig wird.

Rund dreißig Schiffe setzen jedes Jahr mehr als 20000 Touristen in der Antarktis für ein paar Stunden an Land. Einige tausend Techniker und Wissenschaftler machen zudem sommers das Gebiet um die Forschungsstationen zu einem recht unruhigen Terrain für Tiere. „Bei unseren Expeditionen haben wir festgestellt, dass die Tiere ihre Nistplätze verändert haben“, sagte Pfeiffer jetzt auf der Internationalen Polartagung in Jena. Denn schon ein einziger Mensch in fünfzig Metern Entfernung lässt den Puls eines Riesensturmvogels steigen, wie Pfeiffers Mikrofon offenbart. Bei weiterer Annäherung wird es dem Riesensturmvogel irgendwann zu bunt und er fliegt weg. In der Luft schweben oft bereits die Skuas. So heißen die Raubmöwen, die am Boden nach Aas oder hilflosen Lebewesen suchen. Bleiben Eier oder Küken des Riesensturmvogels einen Moment lang ohne Bewachung, dann rauben die Skuas den Nachwuchs.

Doch auch sonst bringen die Störer die Vögel in Schwierigkeiten, weil jede Aufregung an den Energiereserven des Tieres zehrt. Auf dem eisigen Kontinent brauchen Warmblüter wie Vögel ohnehin mehr Energie, um den Körper auf Betriebstemperatur zu halten. Und Aufregungen gibt es für Vögel in der Antarktis jede Menge.

Je tiefer ein Flugzeug oder ein Helikopter über eine Kolonie fliegt und je größer die Maschine ist, umso eher fliehen etwa in der Nähe der amerikanischen Palmerstation die Adélie-Pinguine, wie Meereskundler herausfanden. Die Kolonie der Pinguine schrumpft zusehends, heute lebt dort nur noch ein Viertel der Tiere, des Bestands von Anfang der 1970er Jahre. In absehbarer Zeit könnten die ratternden Rotorblätter die Pinguine dann vollends vertrieben haben.

Christina Büßer von der Universität Jena berichtet Ähnliches von dem Inselchen Ardley, das unmittelbar vor King George Island liegt. Dort sinkt die Zahl der Zügelpinguine, seit 1980 unweit der Kolonie eine Landebahn gebaut wurde. Auch die Riesensturmvögel wandern in die ruhigere Nachbarschaft ab, während Braune Skuas manchmal sogar von der menschlichen Siedlung profitieren und Essens-Abfälle an Küken verfüttern.

Diese Weiterverwertung ist allerdings riskant. Aus der Nähe einer Forschungsstation verschwanden die Skuas eines Tages völlig. Die Raubmöwen waren an der Geflügel-Cholera verendet, die sie bekamen, als sie die Abfälle auf den Müllhalden verspeisten. Daraus haben die Wissenschaftler gelernt, die jetzt keine Abfälle mehr in erreichbarer Nähe von Skuas und anderen Vögeln deponieren.

Auf der Polartagung stehen daher nicht nur die Umweltveränderungen, sondern auch ihre Vermeidung im Mittelpunkt des Interesses. Konkrete Vorschläge für einen besseren Schutz des Ökosystems sollen gemacht werden. So könnten die Brutgebiete des inzwischen weltweit gefährdeten Riesensturmvogels völlig gesperrt werden, überlegt Hans-Ulrich Peter vor allem mit Blick auf das Personal der Stationen.

Touristen von Expeditionsschiffen könnten in Zukunft auf angelegten Wegen die Kolonien von Pinguinen und Robben entdecken. Mit der Zeit gewöhnen sich diese Tiere nämlich an die Touristen, wie Langzeitbeobachtungen der Jenaer Forscher zeigten. Selten besuchte Buchten sollten dagegen ganz aus dem Programm genommen werden, weil die Tiere dort kaum eine Chance haben, sich an Menschen zu gewöhnen.

Die größte Gefahr für das Ökosystem Antarktis aber sieht Hans-Ulrich Peter in der Klima-Erwärmung, die das Eis schmelzen lässt. Dadurch werden die Kieselalgen weniger, die an der Unterseite des Eises leben. Diese Algen weidet ein Krill genannter Kleinkrebs ab, auch die Zahl dieser Tierchen geht massiv zurück. Vom Krill wiederum leben viele Wale und auch die Adélie-Pinguine.

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