Gesundheit : Unschlagbar günstige Studenten machen alles

TOM HEITHOFF

An einem Jubiläumstag will man eigentlich feiern. Der 50. Geburtstag der Arbeitsvermittlung für Berliner Studierende TUSMA wird hingegen mit einem weinenden Auge begangen. Seit drei Jahren ist ein stetiger Umsatzrückgang zu beobachten. "Nach Einführung der Rentenversicherungspflicht für Studentenjobs 1996 ist die Lohnabrechnung verwaltungsaufwendiger geworden, und viele Firmen schrecken davor zurück, Studenten einzustellen", erklärte der Vorstandsvorsitzende der TUSMA Josef Bordat zum Jubiläum vor Journalisten. Dabei übernehme die TUSMA (genauso wie die Heinzelmännchen der FU) die Abrechnung von Steuern und Abgaben. "Manchmal scheint es sogar fast, als gebe es Vorbehalte gegen unsere Sorgfaltspflicht; als traute man uns nicht, daß der Papierkram von uns auch wirklich erledigt wird."

Das Arbeitgeberangebot geht spürbar zurück - um ein Drittel gegenüber 1997. "Uns sind bereits einige wichtige Großkunden wie die Telekom weggebrochen", erklärt Ralf Kleveman, der seit kurzem für das Marketing der TUSMA zuständig ist. Zu schaffen macht der TUSMA vor allem die private Konkurrenz der Zeitarbeitsfirmen, die mit einer "Rosinenpickermentalität" besonders die hochqualifizierten Arbeitskräfte zu sich herüberzögen.

1949 gründeten Studenten und Mitarbeiter des Sozialreferats der Technischen Universität die studentische Selbsthilfe-Organisation. Der selbstbewußte Slogan "TU-Studenten machen alles" mündete in die Abkürzung TUSMA, die bis heute beibehalten wurde und in Berlin ein Begriff ist; nicht zuletzt wegen der berühmten TUSMA-Weihnachtsmänner, die alljährlich in Berliner Kinderzimmer ausschwärmen.

Der erste Auftrag 1949 bestand darin, eine Klingel zu reparieren. Eine Klingel. Wie symbolisch. In der nunmehr fünfzigjährigen Geschichte der TUSMA wurden nicht nur unzählige Klingeln repariert. Die Telefone in der Vermittlungszentrale klingelten auch ununterbrochen. Die Arbeitgeber wußten, was sie an den flexibel einsetzbaren Studenten hatten. "Bis 1996 lief die Vermittlung reibungslos. Die TUSMA war Versorger der Berliner Unternehmen", so Kleveman. Besonders im Baugewerbe wurden die Studierenden zu unverzichtbaren Helfern. Von guten Arbeitsmöglichkeiten auf dem Bau kann man mittlerweile allerdings nicht mehr sprechen. Gerade in diesem Gewerbe ist ein enormer Einbruch zu verzeichnen, unter dem die Studierenden - in einer Stadt mit 270 000 Arbeitslosen - stark zu leiden haben. Und ganz besonders leiden die Ausländer, die, so Kleveman, "am ehesten durch den Rost fallen".

Die TUSMA, seit 1957 ein eingetragener Verein, ist mehr als eine Vermittlungsinstanz zwischen Arbeitgebern und arbeitssuchenden Studierenden. Ralf Kleveman sieht die TUSMA auch als "einen multikulturellen Selbsthilfe-Arbeitsverein. Hier leben junge Menschen ein Stück Weltfriedenskultur, die man in dieser Form in Berlin sonst kaum findet". Die TUSMA ist für die 6000 ausländischen Studenten der TU, die zum großen Teil aus der Dritten Welt kommen, existenzsichernd: Die meisten haben keinen Anspruch auf Bafög oder Sozialhilfe. Ihnen fehlt das soziale Netz. Zwei Drittel der TUSMA-Vermittelten sind Ausländer. "Wir haben eine wichtige soziale Funktion, nämlich, daß diese Studenten aus eigener Kraft ein menschenwürdiges Leben führen können", sagt Kleveman. Der Rückgang des Arbeitsangebotes habe eine Flucht in die Schwarzarbeit zur Folge.

Trotz aller Sorgen blickt die TUSMA mit ihren 50 Mitarbeitern optimistisch in die Zukunft. Zwar schiebt sie noch eine Schuldenlast von 200 000 Mark vor sich her ("im Moment leben wir von der Hand in den Mund"), doch die Prognose für das laufende Jahr verspricht immerhin einen ausgeglichenen Haushalt. Bis zu 400 Jobs werden täglich vermittelt. Doch es müssen mehr werden. Deshalb will man verstärkt an die Firmen herantreten und Kooperationspartner finden. Das soziale Engagement der TUSMA ist dabei ein hilfreiches Argument. Wenn man dann noch bedenkt, daß den Arbeitgebern der lästige Papierkram - von der Lohnsteuerkarte bis zur Arbeitserlaubnis - abgenommen wird . . . Der größte Vorteil für die Arbeitgeberseite besteht allerdings darin, daß seit Einführung des neuen 630-Mark-Gesetzes die studentische Arbeitskraft konkurrenzlos günstig ist.

"Wer als Arbeitgeber einen Studenten bis zu 20 Stunden in der Woche beschäftigt, zahlt lediglich 9, 75 Prozent Sozialabgaben", erklärt Ralf Kleveman. Arbeitgeberberater Harry Lentz von der Techniker Krankenkasse bestätigt, daß ein Arbeitgeber auf diese Weise die vergleichsweise geringste Abgabenlast zu tragen habe; bei einem 630-Mark-Beschäftigten, der weniger als 15 Stunden in der Woche arbeite, seien nämlich 22 Prozent fällig. Der Optimismus der TUSMA scheint also berechtigt zu sein. Es sollte einen in der Tat wundern, wenn die Unternehmen von den studentischen Arbeitsverhältnissen nicht profitieren wollten. http://www.tusma.de/

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