Gesundheit : Unser Kind soll Abi machen

Studie: Eltern klagen über Schulen – und wollen immer höhere Abschlüsse

Tilmann Warnecke

Wenn die Bundesbürger ihren Schulen zum Ende des Schuljahres ein Zeugnis überreichen könnten, fiele es schlecht aus. 17 Prozent vergeben an die Gesamtleistung der deutschen Schulen eine Fünf oder eine Sechs, zwei Drittel bewerten sie nur mit einem Ausreichend oder Befriedigend. Die Schule muss also noch viel lernen.

Neben der Unzufriedenheit wachsen die Ansprüche der Eltern an die Schulen: So lautet das Ergebnis der Umfrage zu Schule und Bildung, die das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung jetzt zum dreizehnten Mal durchführte und gestern zusammen mit der Gewerkschaft für Wissenschaft und Bildung (GEW) in Berlin vorstellte. Die Hälfte der Eltern wünscht sich ein Abitur für ihr Kind; bei der letzten Umfrage vor zwei Jahren waren es sechs Prozent weniger. Tatsächlich erreicht nicht einmal ein Drittel der Jugendlichen, die vor 13 Jahren in die erste Klasse kamen, das Abitur.

Großen Wert legen die gut 4700 Befragten auch auf die Allgemeinbildung. Die Schulen sollen die Kinder besser aufs Berufsleben vorbereiten und ihre Fähigkeit fördern, Probleme zu erkennen und zu lösen, fordern mehr als 80 Prozent.

Die Befragten scheinen also aus den Ergebnissen der Pisa-Studie gelernt zu haben. Der internationale Schulvergleich, bei dem die Deutschen bekanntlich sehr schlecht abschnitten, legte viel Wert auf das Anwenden und nicht das Abfragen von Wissen. „Vor allem die Arbeiter hat die Debatte nach Pisa ermuntert“, sagt Hans-Günter Rolff, der die Befragung leitete. Der Anteil der Arbeiter, die ihr Kind auf ein Gymnasium schicken wollen, stieg um zwölf Prozent, und der Wunsch nach einem Universitätsabschluss verdreifachte sich in dieser Gruppe fast. Das deutsche Bildungssystem gilt als besonders wenig durchlässig für Kinder aus sozial schwachen Schichten.

In anderen Punkten verwirrte die Pisa-Studie die Befragten allerdings. In Bezug auf die Bildungspolitik seien viele „unaufgeklärt“, sagt Rolff. Denn wie sei es sonst zu erklären, dass 60 Prozent der Befragten sich für mehr Hochbegabtenförderung einsetzen und gleichzeitig 70 Prozent anstelle der Hochbegabten die Breite unterstützen wollen? Auch Ergebnisse aus den Pisa-Siegerländern Japan und Schweden seien noch nicht bis nach Deutschland durchgedrungen. Die besagen, dass von Klassen mit Lernstarken und Schwachen alle Schüler profitieren. Solche heterogenen Lerngruppen lehnt ein Großteil der Befragten allerdings ab. Das dreigliedrige Schulsystem wird ebenfalls kontrovers beurteilt. 40 Prozent sind für eine Teilung der Schüler nach der Grundschule, 40 Prozent dagegen.

Immerhin erklären diese Ergebnisse vielleicht, warum ein Viertel der Bundesbürger den Kultusministern die Zuständigkeit für die Schulen am liebsten entziehen und zentral beim Bund ansiedeln würden: Das würde für Übersichtlichkeit sorgen – genauso wie das Zentralabitur und bundesweite Leistungskontrollen, die mehr als 90 Prozent der Befragten befürworten.

„Verunsichert“ nennt Rolff die Eltern. Das zeigt sich in einem weiteren Punkt. Bisher fürchteten vor allem die Eltern im Osten Deutschlands um einen angemessenen Ausbildungsplatz ihrer Kinder (60 Prozent). „Die Furcht ist im Westen angekommen“, sagt Rolff: Dort sorgen sich nun 37 Prozent (zuvor: 25 Prozent) um die gute Ausbildung ihrer Kinder. Eine Mehrzahl der Befragten befürwortet deswegen die von der SPD initiierte Ausbildungsplatzumlage. Das freute vor allem die GEW-Vorsitzende Eva-Maria Stange, deren Gewerkschaftsstiftung die Studie mitfinanzierte: „Der Bürger will, dass der Staat bei der Ausbildung in die Bresche springt.“

Noch mehr als im Westen legt übrigens der Osten Wert auf eine Schule, die Leistung und Disziplin vermittelt. Die Bürger zwischen Greifswald und Dresden würden am liebsten noch mehr Zensuren verteilen: Viele machen sich dort für die Wiedereinführung von Kopfnoten stark.

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