Gesundheit : Unsere Durchschnittsköpfe

Harvard kann’s besser: Warum die ausländische Elite nicht in Deutschland studiert

Hermann Horstkotte

Ob Eliteuni, Elitefakultät oder sonst ein elitäres „Büschel“ (neudeutsch: Cluster) von Forschungsinstituten: Wenn Deutschland in die Weltspitze will, muss es die wissenschaftliche Weltelite anziehen, am besten schon den akademischen Nachwuchs. Wie das die viel gepriesenen amerikanischen Vorbilder Harvard und Yale tun. Sie vergeben sogar hochschuleigene Stipendien an die besten Bewerber von überall, ohne irgendeine Mindestquote für Landeskinder. „Ich lerne hier die Welt kennen, weil sie vorbeikommt“, sagt der Vietnamese Van Thi Huynh, Stipendiat der John F. Kennedy School of Governance in Harvard, mit Blick auf seine Mitstudenten und akademischen Lehrer. So entstehen persönliche Netzwerke mit Zukunft. „Das ist Eliteförderung im Weltmaßstab“, schwärmt Christian Bode, der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes neidisch.

Denn in den überlaufenen und deshalb zulassungsbeschränkten Fächern hierzulande stehen nach einer Vereinbarung der Kultusministerkonferenz nur acht Prozent der Studienplätze Begabungen aus aller Welt zur Verfügung. In neun von zehn Fällen hat der deutsche Durchschnittskopf den absoluten Vorrang! Kein Wunder also: Nur sieben Prozent der Doktoranden in Deutschland sind Ausländer, in den USA mehr als ein Viertel.

Handverlesene Studenten

Wo fühlt sich Elite am wohlsten? Natürlich unter ihresgleichen. Deswegen sind alle Studenten in den USA handverlesen, ausgewählt von den Professoren ihres Wunschfaches. Als erstes Bundesland fängt damit Hamburg zum kommenden Wintersemester an, aber nur bei Studienbewerbern aus Nicht-EU Ländern. Denn Deutsche und ihnen gleich gestellte Unionsbürger können nicht abgewiesen, sondern höchstens in den zulassungsbeschränkten Fächern auf später vertröstet werden.

Für Christoph Ehrenberg, Abteilungsleiter Hochschulen im Bundesbildungsministerium, soll es im Wesentlichen auch in Zukunft dabei bleiben, wenn im Sommer das neue Zulassungsgesetz kommt. „Wir werden und wollen free movers an unseren Hochschulen haben, die sich ohne besondere Auswahlverfahren einschreiben.“ Das heißt: Ausländer: ja – Auswahl: nein. Im Prinzip soll es also weiterhin nur darauf ankommen, dass ein Kandidat die Mindestanforderungen für ein Studium erfüllt. Ob er oder sie hochqualifiziert ist, bleibt unentdeckt. Genau so wird mit den Deutschen verfahren. Doch so lassen sich die Besten aus aller Welt nicht ins Land locken. Die Elite aus China will nicht neben dem Durchschnitt aus Itzehoe sitzen: „Wenn wir die Ausländer auswählen, dann hängt deren Studienerfolg natürlich auch davon ab, dass sie mit ebenso hoch motivierten inländischen Studenten zusammenarbeiten“, sagt Jochen Hellmann, Dezernent für Internationales an der Hamburger Uni.

Die amerikanischen Musterhochschulen Harvard, Yale oder Stanford sind ausnahmslos Privatuniversitäten in größter Staatsferne. Sie finanzieren sich aus gestiftetem Vermögen, Spenden, industrieller Auftragsforschung, nicht zuletzt aus Studiengebühren für exzellente Ausbildung in kleinen Teams und nur ergänzend aus öffentlichen Zuschüssen. Dagegen sind die potenziellen deutschen Elitehochschulen in allen wirtschaftlichen Angelegenheiten nachgeordnete Landesbehörden. Sie werden streng nach Vorschrift geführt, nach speziellen Hochschulgesetzen, und mithin nicht mit innovativer Phantasie.

Vor solchem Hintergrund plädiert etwa Rechtsprofessor Jörn Kämmerer von der privaten Bucerius Law School in Hamburg für einen grundlegenden Umbau der Hochschulszene: Statt traditioneller Hochschulgesetze solle man lieber „Regulierungsgesetze“ wie für Post und Telekommunikation erlassen, die den Wettbewerb zwischen den bisher vorherrschenden staatlichen Unis und vielerlei privaten Konkurrenten ermöglichen und fördern können. Der Vorschlag stieß aber auf einer Expertentagung mit durchweg verbeamteten Fachkollegen auf reines Unverständnis und auf die helle Empörung, die einen Tabubruch allemal begleitet.

Greencard für Mangelberufe

Und noch ein deutsches Handikap gegenüber den US-Hochschulen: Nach dem Studium kann die junge Leistungselite aus aller Welt die amerikanische Wirtschaft beleben, wenn ein Arbeitgeber sich für sie verbürgt – während die Greencard hierzulande nur für bestimmte Mangelberufe und auf höchstens fünf Jahre gilt. Da sagen viele lieber von vornherein „Nein, danke“.

Auf dem Weg zur Weltelite sind also in Deutschland erst noch staatlich verordnete Hindernisse zu beseitigen. Doch wer fängt damit an? Der jüngste Schrei nach Innovation solle „vor allem die Stimmung in der Bevölkerung aufhellen“, meint der Generalsekretär des Stifterverbandes, Manfred Erhardt. Wenn Stimmung verbessert werden soll, dann kann es auf konkrete Detailfragen natürlich gar nicht ankommen. So antwortet Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn auf die Frage, ob sie über die 250 Millionen für den Wettbewerb „Deutschland sucht die Superuni“ vorher mit dem Finanzminister gesprochen hat: „Bei einem solchen Vorschlag können Sie nicht alles vorher ausgehandelt haben. Das wäre der sicherste Weg zu seiner Beerdigung.“ Fest steht, dass die Summe aus dem Ministerium ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Zum Vergleich: Lee Bollinger wurde 2002 Präsident der Columbia University in New York, weil er in gleicher Funktion an der Staatsuniversität von Michigan bei Spendern und Stiftern wahrhaft gute Stimmung gemacht hatte: indem er in einem Jahr 250 Millionen Dollar einwarb.

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