Gesundheit : "Unsere Erfahrungen stärker berücksichtigen"

Der Wissenschaftsrat hat unlängst die radikal

Der Zivilrechtler will die Rektorenkonferenz der deutschen Hochschulen unabhängig machen

Jens-Peter Meincke (64) kandidiert für das Präsidentenamt der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Der Zivilrechtler wurde 1975 an die Universität Köln berufen. Seit 1997 führt er die Hochschule als Rektor. Mit ihm sprach unser Mitarbeiter Heiko Schwarzburger.

Der Wissenschaftsrat hat unlängst die radikale Reform der Studiengänge gefordert. Künftig sollen Bachelor und Master an die Stelle der Diplome, Magister und Staatsexamen treten. Was halten Sie davon?

Das Ziel ist es, die Studiengänge international besser abzustimmen und die Studienzeiten zu verkürzen. Ich bin nicht so skeptisch gegen die deutschen Diplome wie manche Kritiker und würde mich als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz dafür einsetzen, dass in dieser Debatte die Erfahrungen der Hochschulen stärker berücksichtigt werden. Die neuen Abschlüsse lassen sich in die technischen Fächer und wohl auch in den Bereich der Wirtschaftswissenschaften relativ leicht integrieren. In den Geisteswissenschaften ist das diesen Abschlüssen zugrunde liegende Stufenmodell dagegen schwerer umzusetzen.

Sie plädieren also für ein gemischtes Modell, abhängig von den Fächern?

In vielen Fächern müssten solche neuen Studiengänge mit dem Ziel der Berufsfähigkeit bei unverändertem akademischem Niveau erst noch entwickelt werden. Die Aufgabe der HRK in diesem Prozess könnte sein, die Hochschulen stärker untereinander abzustimmen, um ihre praktischen Erfahrungen einzubringen. Die HRK ist vor allem anderen eine Serviceorganisation für die Hochschulen. In den Plenarversammlungen sollten nicht nur die Beschlüsse anderer Gremien der HRK oder aus der Politik abgenickt werden. Es gibt jede Menge offener Fragen, die ohne intensive Beteiligung der Hochschulen nicht zu lösen sind.

Die Studienreform wird ohne Reform der Besoldung der Professoren kaum vom Fleck kommen. Welche Chancen bieten leistungsbezogene Zuschläge?

Nach besonderen Belastungen der Professoren im Selbstverwaltungs- und Prüfungsbereich gestaffelte Zuschläge sind ein vernünftiger Ansatz. Aber ich betone: Zuschläge. Die jetzt vorliegenden Pläne sehen vor, die Gehälter der Professoren von rund 11 000 Mark im Alter von 60 Jahren auf ein Basisgehalt von 8 300 Mark zu senken. Zuschläge würden dieses Defizit zunächst nur ausgleichen, keinen echten Anreiz bringen. Damit klafft die Schere zu den Gehältern in der Industrie immer weiter.

Es wurde der Vorwurf laut, deutsche Professoren seien zu faul. Was kann man trotz leerer Kassen tun, um die Leistungsträger zu fördern?

Dass an den Unis zu wenig geleistet wird, stimmt nicht, ist jedenfalls kein zentrales Problem. Es gibt natürlich schwierige Einzelfälle wie in anderen Berufsgruppen auch. Sie einfach von der Uni zu werfen, ist kein Rezept. Bei uns in Köln haben wir Problemfälle bis jetzt immer im Rahmen des bestehenden Dienstrechts regeln können. Auch die Studenten sind aufgefordert, Unregelmäßigkeiten öffentlich zu machen. Unsere Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Köln hat für die laufende Evaluation der Lehre soeben einen eigenen Ausschuss gegründet. Die wichtigste Wirkung der Befragung unter den Studenten geht von der Veröffentlichung der Ergebnisse aus. Keiner möchte am Ende einer solchen Rangliste stehen.

Wie sehen Sie die finanzielle Zukunft der deutschen Hochschulen? Eins ist klar: Mit mehr Geld kann auf absehbare Zeit niemand rechnen ...

Für die nächsten Jahre kommt ein deutlich steigender Finanzbedarf auf die Hochschulen zu, vor allem bei Bauten und Geräten. Hier bestehen erhebliche Finanzierungslücken. In Köln ist es uns jetzt gelungen, einen großen Hörsaal mit Hilfe von privaten Spendern zu renovieren. Auch wollen wir gern unser Auslandsamt und unser Studentensekretariat in einem neuen Gebäude vereinen. Vielleicht gelingt es uns, dafür eine größere Spende einzuwerben, indem wir dem Spender anschließend ebenfalls Räume in diesem neuen Gebäude anbieten. Es gibt ganz verschiedene Wege, potentiellen Sponsoren entgegen zu kommen.

Jeder einzelne Student könnte als Sponsor seiner Hochschule auftreten. Wären Studiengebühren ein Ausweg?

Studiengebühren sind eng verzahnt mit der Bundesausbildungsförderung, dem Bafög. Es darf nicht dazu kommen, dass talentierte junge Menschen aus finanziellen Gründen vom Studium fern bleiben. Wir bräuchten also einen Fond zur Abfederung. Andererseits sehe ich große Potentiale, wenn die Hochschulen mehr privat finanzierte Projekte durchführen könnten. Klinika und Weiterbildungszentren lassen sich auch privat betreiben. Dafür hängen jedoch derzeit die gesetzlichen Hürden noch zu hoch, da bräuchten wir mehr Spielraum.

Die Hochschulreform hat auch zum Ziel, das Alter der Professoren bei ihrer ersten Berufung deutlich zu senken. Könnte die Abschaffung der Habilitation als zusätzliche akademische Barriere dabei helfen?

Auch hier gilt es, sich die Situation der einzelnen Hochschulen genauer anzusehen. Das Problem ist nicht die Habilitation, sondern uns fehlen ausreichend Stellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs, für die Assistenten. Jetzt sollen so genannte Qualifizierungsprofessuren für den Nachwuchs eingerichtet werden, allerdings nur durch die Umwidmung von Assistentenstellen. Das ist so in einer Universität wie Köln nicht zu machen. Die Assistenten erfüllen wichtige Aufgaben in Forschung und Lehre, sie betreuen auch Diplomarbeiten. Verschwinden diese Stellen jetzt zugunsten von Assistenzprofessuren, die zudem auch Teile der Ausstattung ihres Instituts für sich beanspruchen werden, wäre die Funktionsfähigkeit der Institute in Gefahr. Die zentrale Frage ist doch allein: Wie können sich unsere Nachwuchsforscher auf ihre wissenschaftliche Arbeit konzentrieren, ohne von zuviel Verpflichtungen in der Lehre und bei der Betreuung von Studenten abgelenkt zu werden?

Was wäre Ihrer Meinung nach zu tun?

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat bereits ein eigenes Programm für Assistenzprofessuren aufgelegt, das Emmy-Noether-Programm, das den Hochschulen zusätzlich zu ihren Personaletats zugute kommt. Das ist ein guter Weg, die Vor- und Nachteile dieser Neueinrichtung zu testen. Außerdem sollte der Status der jungen Zeitprofessoren überdacht werden, damit sie nicht als Angehörige der Professorengruppe und damit als bereits Qualifizierte eingestuft werden, obwohl sie sich doch gerade erst qualifizieren wollen.

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