Gesundheit : Unsere kleinen Aliens

Kinder können mehr, als wir glauben: Was die Gehirnforschung Eltern, Lehrern und Erziehern zu sagen hat

Dorothee Nolte

Aus den meisten Kindern werden halbwegs vernünftige Erwachsene, trotz aller gegenteiligen Bemühungen im Rahmen dessen, was man Erziehung nennt. (Manfred Spitzer)

„Gehen Sie nach oben, öffnen Sie vorsichtig die Tür und schauen Sie ins Kinderbett. Was sehen Sie dort? Ein Bild der Unschuld und Hilflosigkeit? Nein: Sie sehen den großartigsten Geist, der je existiert hat, den gewaltigsten Lernapparat des ganzen Universums.“ Hirnforscher übertreffen sich geradezu in Superlativen, wenn sie vom kindlichen Gehirn sprechen: Was für die amerikanische Entwicklungspsychologin Alison Gopnik der „gewaltigste Lernapparat des Universums“ ist, das nennt der Psychiatrieprofessor Manfred Spitzer die „beste Lernmaschine der Welt, Informationsstaubsauger, Regelgenerator und zudem Motivationskünstler“. Hut ab vor dem kahlen Babykopf!

Kein Wunder, dass sich die Gehirnforschung so brennend gerade für die kleinen Hirne interessiert, vollbringen sie doch in kurzer Zeit gewaltige Leistungen. Und weil die Erkenntnisse der Hirnforschung von unmittelbarer Bedeutung für Eltern, Lehrer und Erzieher sind, wenden sich die Forscher auch gerne an die breite Öffentlichkeit, wie drei Neuerscheinungen der letzten Jahre zeigen (siehe Kasten). Kennzeichnend für alle drei Bücher ist, dass sie trotz ihres wissenschaftlichen Anspruchs auch für Laien gut lesbar sind. Denn gerade Hirnforscher scheinen keinerlei Hemmungen zu haben, kleine Geschichten über ihr eigenes Leben und ihre Erfahrungen mit Kindern einfließen zu lassen, statt abstrakt wissenschaftlich zu bleiben – folgen sie doch dabei nur ihrer eigenen Erkenntnis, dass der Mensch am besten am konkreten Beispiel und durch Vergleiche mit Bekanntem lernt.

Keine Mozart-Kassetten

Was also steckt im Babykopf? Sein Gehirn enthält bereits annähernd so viele Nervenzellen (Neuronen) wie das eines Erwachsenen – rund 100 Milliarden – , ist jedoch nur ein Viertel so schwer. Im Laufe der Jahre nimmt das Gehirn an Gewicht zu: Zum einen, weil die Neuronen wachsen, vor allem aber weil sie sich untereinander verdrahten. Die Neuronen senden einander elektrische Signale zu und richten langfristige Verbindungen (Synapsen) ein. Darin sind die kindlichen Gehirne weitaus aktiver als erwachsene: Die meisten Synapsen pro Neuron (15 000) hat ein Mensch im Alter von zwei bis drei Jahren. Allerdings überleben nur die Verbindungen, die häufig benutzt werden, andere werden wieder gekappt. Im Unterschied zum Computer, dessen Hardware sich bei der Benutzung nicht verändert, verlegt das menschliche Gehirn seine Leitungen also immer wieder neu, und die eingerichteten Schaltkreise sind stark erfahrungsabhängig: „Vom ersten Tag an verändert die Erfahrung das Gehirn. Alles, was ein Baby sieht, hört, schmeckt, berührt und riecht, beeinflusst die Art und Weise, in der sich sein Gehirn aufbaut“, schreiben Alison Gopnik, Patricia Kuhl und Andrew Meltzoff. „Aus neurologischer Sicht sind diese Kinder wirklich Alien-Genies.“

Für die Praxis von Eltern und Erziehern bedeutet das zunächst, dass es so genannte „Entwicklungsfenster“ oder sensible Perioden gibt, in denen Kinder bestimmte Erfahrungen machen müssen, damit einzelne Fertigkeiten ausgebildet werden können – zum Beispiel ihre Muttersprache. Die drei amerikanischen Autoren warnen jedoch ausdrücklich vor Rezepten, „mit denen Babys angeblich klüger werden oder mehr lernen, ob es nun Illustrationstafeln, Mozart-Kassetten oder Institute zur Säuglingsförderung sind“. Künstliche Eingriffe dieser Art seien im besten Fall wirkungslos, im schlimmsten Fall störten sie die normale Interaktion zwischen Erwachsenen und Babys. Das Wichtigste sei, dass die Bezugspersonen genug Zeit und Energie aufbringen können, um sich mit den Kindern zu beschäftigen – sei es zu Hause oder in der Kindertagesstätte.

Die amerikanische Neurobiologin Lise Eliot dagegen stellt ganz explizit die Frage „Wie wird mein Kind intelligenter?“ und gibt Tipps, etwa Babymassage, einfühlsame Gespräche oder Vorlesen. Bei Kindergartenkindern komme es darauf an, die Begeisterung, den Fleiß, die Beharrlichkeit und Lernmotivation der Kinder zu fördern. Von akademisch geprägten Vorschulprogrammen hält Lise Eliot wenig: „Für leistungs- und konkurrenzorientiertes Denken, Niveauvergleiche und Qualitätsurteile ist es noch zu früh.“ Erzieherinnen sollten nicht als Lehrer auftreten, sondern als Förderer – sie sollten allen Kindern helfen, interessante Projekte zu finden, Fragen beantworten, neue Techniken vorschlagen und sie in dem Gefühl bestärken, dass sie selbst etwas zu Stande bringen. „In diesem Alter lernen die Kinder durch Ausprobieren, indem sie alle fünf Sinne und ihre reifenden motorischen Fähigkeiten einsetzen – nicht indem sie gegängelt und in großen Gruppen unterrichtet werden.“ Gleichzeitig warnt Eliot davor, den Einschulungstermin hinauszuschieben: Die kognitive Entwicklung verzögere sich, wenn ein Sechsjähriger noch ein Jahr im Kindergarten bleibe, statt in die Schule zu gehen.

Computer möglichst spät

Einige Einschätzungen von Hirnforschern klingen überraschend altmodisch. So wirft Manfred Spitzer, Psychiatrieprofessor in Ulm, manches Lieblingskind der Didaktik über den Haufen: Da positive Emotionen das Lernen günstig beeinflussen, sei die Begeisterung des Lehrers für sein Fach das Wichtigste. „Ein Lehrer muss in der Lage sein, über Sachverhalte seines Faches interessante Geschichten zu erzählen“. Er und seine Schüler müssten sich schätzen; ob dann mit Frontal- oder Gruppenunterricht, mit Overhead-Projektor oder ohne gearbeitet werde, sei zweitrangig. Den Einsatz von Computern dagegen hält Spitzer ausdrücklich für schädlich. Sie hätten in Kindergarten und Grundschule nichts zu suchen und seien erst in der Mittelstufe nützlich. Denn: Nur wer genug sinnliche Erfahrungen mit der wirklichen Welt gesammelt habe, könne mit der virtuellen Realität des Computers sinnvoll umgehen.

Überhaupt zeigt sich Spitzer skeptisch gegenüber erziehungswissenschaftlichen Moden – die Kinder mitunter nur deshalb überlebten, weil sie „erstaunlich robust“ seien: „Sie suchen sich einfach selbst, was sie gerade am besten lernen können. Ihr sich entwickelndes Gehirn stellt einen eingebauten Lehrer dar.“ Diese ungeheure Formbarkeit und Flexibilität des jungen Gehirns hat aber auch zur Folge, was der Volksmund ohne Gehirnforschung immer schon wusste: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – oder nur langsam.

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