Gesundheit : Unter der Königspalme zum Lauschangriff

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Von Uwe Schlicht

Die Königspalme gehört in der Karibik zu den am schönsten geformten Bäumen. Wächst ihr schlanker Stamm doch so hoch über alle anderen Bäume hinaus, dass die Palmenkronen sogar die Dächer der meisten Gebäude überragen. Unter der Tarnbezeichnung „Königspalme” hat der kubanische Geheimdienst zusammen mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR eine der spektakulärsten Kooperationen gestartet: den großen Lauschangriff auf den gemeinsamen Gegner USA, der einen hochgerüsteten Flottenstützpunkt in Guantanamo auf der Insel Kuba besitzt. Mit Einverständnis der Sowjetunion lieferte das MfS die technische Ausrüstung für diesen Lauschangriff im Wert von über acht Millionen DDR-Mark, verladen auf einem schweren russischen Militär-LKW und zwei Fünf-Tonnen-Anhängern.

Die durch den Lauschangriff gewonnenen Informationen wurden jedoch nicht den Kubanern direkt übermittelt, sondern deren Auswertung erfolgte in Ost-Berlin und Moskau. Nur gefilterte Information gingen an die kubanischen Genossen. Über Einzelheiten dieser Art berichtet die neueste Publikation des Forschungsverbundes SED-Staat, die am Mittwoch in einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Ein Handicap hatten die Forscher um den FU-Politologen Jochen Staadt. Viele Dokumente über die Sicherheitskooperation zwischen Kuba und der DDR sind kurz vor der Wende vernichtet worden oder liegen verstreut – und damit noch unerschlossen – in den verschiedenen Archiven.

Schüler der Staatssicherheit

Aber so viel lässt sich sagen: Seit 1969 haben das Ministerium für Staatssicherheit in Ostberlin und das kubanische Innenministerium (MININT) in Jahresarbeitsplänen ihre Schulungshilfen vereinbart. Kubanische Experten im Strafvollzug, in der Kriminalistik, aber auch in der Geheimdienstpraxis und der politischen Überwachung wurden in der DDR in Lehrgängen von drei Monaten bis zu zwei Jahren geschult.

Besonderes Interesse zeigte Kuba an der Übertragung des ostdeutschen Spitzelsystems der informellen Mitarbeiter (IM). Das geht aus der Dissertation eines leitenden Sicherheitsoffiziers hervor, der an der Stasi-Hochschule in Potsdam-Golm promoviert hat.

Die Kubaner hatten erkannt, dass der imperialistische Feind auch Bereiche wie die Kultur, die Wissenschaft und die Jugend unterwandern könnte. Um der Zersetzungsarbeit unter Intellektuellen und Künstlern begegnen zu können, wurden gebildete IMs gebraucht. Ebenso galt es den Tourismus zu kontrollieren.

Standen die Besuche prominenter bundesrepublikanischer Intellektueller wie Hans Magnus Enzensberger oder Hans Werner Henze bevor, wurde die Stasi in der DDR um entsprechende Aufklärung gebeten. Stipendien westdeutscher Diözesen an lateirikanische Studenten nährten ebenso den Verdacht der kubanischen Sicherheitsbehörden wie die Aktivitäten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes oder von Amnesty International. Natürlich waren die kubanischen Sicherheitsbehörden auch an der Lieferung entsprechender Ausrüstung interessiert: Wanzen zum Abhören in den Wohnungen von Verdächtigen, Hochleistungskameras für die Anfertigung von Nachtaufnahmen. Sie benötigten Videotechnik und Monitore.

Schulmeister der Sandinisten

Wie erfolgreich sie mit diesen Materialien die Wohnung eines Verdächtigen ausgestattet haben, übermittelten sie in einem in deutscher und spanischer Sprache abgefassten Protokoll an das MfS in Ostberlin. Als schließlich die Sandinisten in Nicaragua auf den Plan traten, versuchten die mittelamerikanischen Sozialisten auch beim Besuch des damaligen DDR-Außenministers Oskar Fischer 1979 in Managua, eine Wunschliste an das MfS zu übermitteln. In erster Linie hatten sie Interesse an der Ausbildung von Kadern zur Abwehr, Aufklärung und Vernehmungsführung in dreimonatigen Lehrgängen. Um die Amerikaner jedoch nicht zu sehr zu beunruhigen, überließen die DDR und die Sowjetunion die Schulung der Sandinisten lieber den Kubanern. Und die hatten ja durch die sozialistische Bruderhilfe die entsprechenden Kader zu Verfügung.

Elf Jahre nach dem Untergang der DDR und der Staatssicherheit arbeiteten in Kuba immer noch die von der DDR geschulten Sicherheitskräfte. Auf der Karibikinsel gebe es schätzungsweise 200 politische Gefangene, erklärte Jochen Staadt in seinem politischen Resümee.

Unterstützt wird die Arbeit an der Kubadokumentation von den Niederländern: dem Helsinki-Komitee und der Organisation Pax Christi. Pax Christi hat in der Zwischenzeit über 10 000 Unterschriften von Bürgern gesammelt, die rechtstaatliche Verhältnisse und die Einhaltung von Menschenrechten auf Kuba einfordern.

Arbeitspapier Nr. 33/2002: Die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Staatssischerheit der DDR (MfS) und dem Ministerium des Innern Kubas (MININT) von Gerhard Ehlert, Jochen Staadt, Tobias Voigt. 280 S.

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