Gesundheit : Unter Männern

Jahrzehntelang beherrschten Ordinarien vom alten Schlag die Berliner Germanistik. Einige der Studentinnen machten trotzdem Karriere – meist auf Umwegen

Kirsten Wenzel

Ihre Dissertation war gut, sehr gut sogar. Über „Fontane und die Politik“ hatte sie geschrieben. Doch ihrer Doktorfeier 1937 an der Humboldt-Universität musste Charlotte Jolles fernbleiben, ihr drohte der öffentliche Affront – man hätte ihr als „Halbjüdin“ beim akademischen Zeremoniell nicht per Handschlag gratuliert. Sie floh nach Großbritannien, und so begann ihre Laufbahn an der Universität 20 Jahre später. Erst schlug sie sich in London als Sekretärin in einem Kinderheim, später als Deutschlehrerin durch. Dann musste Charlotte Jolles noch einmal ganz von vorne studieren, vom ersten bis zum letzten Semester des „Master“, so verlangten es die Briten von der Emigrantin aus Berlin. So wurde sie 45 Jahre alt, bis sie ihre erste Forschungsstelle erhielt und ganze 65, bis sie endlich Professorin wurde; in London, drei Jahre vor ihrer Emeritierung.

In Deutschland hat Charlotte Jolles es schließlich doch noch zur Ehrenpräsidentin der Fontanegesellschaft, zum Bundesverdienstkreuz und – mit fast 80 Jahren – zur Ehrendoktorwürde an der Humboldt-Universität gebracht. Dennoch ist ihr Karriereweg mit seinen beträchtlichen Umwegen und Verzögerungen charakteristisch für die schwierige Situation der ersten Frauen, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anschickten, die Männerdomäne der Universität zu erobern. Das zeigt eine kleine Ausstellung in der Humboldt-Universität, die Studienalltag und Lebenswege von Berliner Germanistinnen von 1900 bis 1945 dokumentiert, mit Biografien, Fotos und Interviews.

Auch Frauen, die nicht emigrieren mussten, fanden oft erst Jahrzehnte nach ihrem Abschluss einen Weg in die akademische Karriere, so wie die Münsteraner Professorin Isabella Rüttenauer, die fünf Jahre vor ihrer Emeritierung berufen wurde – und dann auch „nur“ auf einen Lehrstuhl für Pädagogik. Zuvor hatte sie als freie Autorin gearbeitet.

Erst seit 1908 waren Frauen überhaupt formal zum Studium zugelassen, und die Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Befähigung schwanden nur ganz allmählich. Vor der Novemberrevolution beherrschte der männliche Burschenschaftsgeist die Universität, mit vehementem Fußgetrappel bei Eintritt eines „Frauenzimmers“ in den Vorlesungssaal. Das war nichts für zartbesaitete Gemüter. Und die Germanistik in Berlin blieb über Jahrzehnte ausgesprochen konservativ, bis 1945 studierte man Goethe und Kleist, Mittelhochdeutsch und Wolfram von Eschenbach noch am „Germanischen Seminar“, streng orientiert an den Begriffen von Volk und Nation.

Bis Mitte der 20er-Jahre bestimmte Gustav Roethe die Geschicke der Literaturwissenschaft, ein Ordinarius vom alten Schlage, der sich weigerte, Frauen zu Beginn des Studiums auch nur die Hand zu geben. Wer als Frau dennoch mit einer wissenschaftlichen Karriere liebäugelte, verließ nach ein paar Semestern die Stadt, so wie Agathe Lasch, die 1923 auf den Lehrstuhl für Niederdeutsch in Hamburg berufen wurde, bevor die Nazis sie später ins Todeslager verschleppten.

Etwas besser wurde es erst im Laufe der 20er-Jahre mit Julius Petersen, dem Fontaneforscher, der seit Anfang der 30er-Jahre Frauen in Forschungsprojekte einbezog und sie sogar in die „Germanistenkneipe“ einlud. So tat sich für die Anfänge der weiblichen Germanistik in den zwanziger Jahren nur ein kurzes Zeitfenster auf, das schon 1933 aus ideologischen Gründen wieder geschlossen wurde: Die Nazis erfanden einen Numerus Clausus für Frauen.

Aber auch die Zeit davor war schwierig, und wie Levke Harders, die Ausstellungsmacherin, betont: mit gewissen Parallelen zur heutigen Zeit. Bereits damals war die Germanistik ein Massenfach (1929: über 600 Studentinnen und über 1000 Studenten), Seminare mit 200 Teilnehmern keine Seltenheit. Die Hälfte der Studierenden war wegen der großen Armut gezwungen, nebenbei zu arbeiten. Die Germanistik war auch damals ein Fach mit nicht ganz so blendenden Berufsaussichten, doch das war schon fast gleichgültig. Isabella Rüttenauer erinnert sich in einem Interview, das sich Besucher der Ausstellung anhören können: „Wir hatten den Eindruck, es war ganz egal, was man macht, man würde nie eine Arbeit finden.“ Warum also nicht Germanistik – da blieb zumindest viel Zeit zum Lesen.

Eine Germanistin konnte früher, wenn sie Glück hatte, Lehrerin werden, oder Bibliothekarin. In Forschung oder Publizistik fand sich kaum eine Möglichkeit. Heute werden drei von vier Habilitationen in der deutschen Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität von Frauen angefertigt. Drei Viertel der Professorenstellen haben sie deshalb nicht, es ist noch nicht einmal ein Drittel.

Der Blick zurück zu den Vorreiterinnen zeigt: Den Weg in die Wissenschaft schafften nur diejenigen, die sich nicht durch politische und wirtschaftliche Widrigkeiten von ihrem Lebensplan abbringen ließen, die bereit waren, Jahre und Lebensoptionen zu opfern. Gut mussten sie natürlich auch noch sein.

Charlotte Jolles hatte wie die meisten Akademikerinnen ihrer Generation keine Kinder. Sie gründete mit 81 Jahren die Fontanegesellschaft, schuf so ihr Lebenswerk. Doch das wohl bemerkenswerteste Ereignis in diesem so eigentümlichen Forscherleben, so schrieb der Londoner „Guardian“ in seinem Nachruf, als Charlotte Jolles im vergangenen Jahr starb, war 1983 das Erscheinen ihrer in den Dreißigerjahren verfassten Dissertation. Das Buch handelt vom Leben und Denken Fontanes in den Vierziger- und Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts, von seinen Besuchen in England und Schottland. Nur eine Kopie davon hatte in den Archiven der Berliner Universität überlebt. Nun, fast fünfzig Jahre später, stellte man erstaunt fest, dass nicht ein Wort daran überarbeitet werden musste.

Die Ausstellung „Vom Ausschluss zum Abschluss, Berliner Germanistinnen von 1900 bis 1945“ ist bis zum 16. April im Foyer des Hauptgebäudes der HU zu sehen, vom 19. April bis zum 8. Mai in der Kommode, Bebelplatz 1 (Mo bis Fr. 8 bis 21 Uhr, Sa bis 15 Uhr).

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