Gesundheit : Unter prächtigem Segel

Die Chamäleons sind nicht auf dem Landwege von Afrika nach Asien gekommen – sie haben vielmehr Sträucher als Floß benutzt. Jetzt müssen die Lehrbücher umgeschrieben werden

Matthias Glaubrecht

Wer unter uns Menschen als Chamäleon bezeichnet wird, gilt als wenig charakterstark und ohne feste Überzeugung. In der Tat ist die Fähigkeit dieser Reptilien, die Farbe ihrer Haut der jeweiligen Umgebung anzupasen, sprichwörtlich. Doch anders als beim Menschen ist sie bei den Tieren eine durchaus beachtliche und bewundernswerte Eigenschaft.

Derart getarnt, sind Chamäleons auch perfekt an ein Leben im Gezweig und Geäst angepaßt. Wobei sie es niemals wirklich eilig haben. Mit den gegenübergestellten Zehen ihrer Zangenfüße halten Chamäleons die Zweige beim Klettern fest umklammert und bewegen sich zudem so langsam, dass man meint, sie müßten jeden ihrer Schritte erst sorgsam überdenken. Fester Halt und bedachte Handlung – kein schlechter Zug in einer schnelllebigen Zeit, mag man denken.

Indes: Die farbenfrohen Faultiere unter den Reptilien erwiesen sich jetzt als wahre Globetrotter mit dem Hang zur Seereise. Zugleich werfen sie damit eine Lehrbuchweisheit der Zoologie über den Haufen. Die meisten der rund hundert Chamäleon-Arten sind heute in Afrika und auf Madagaskar beheimatet. Von dort aus – so nahm man lange an – haben sich die Kriechtiere auf die umliegenden Inseln im Indischen Ozean sowie bis nach Sri Lanka und Arabien ausgebreitet. Da Chamäleons nicht schwimmen können oder mögen, erfanden Zoologen einen Land(aus)weg.

Einst könnte möglicherweise eine Landbrücke im Indischen Ozean existiert haben, die mittlerweile längst wieder versunken ist. Tatsächlich sind die Lehrbücher voll dieser und anderer erdachter Landbrücken, weil sich kaum einer der Zoologie-Lehrstuhlinhaber daranwagte, diese „Weisheiten“ seiner Wissenschaft ernstlich in Frage zu stellen. Dabei wäre kaum noch Platz für Ozeane geblieben, wenn wirklich all jene Landbrücken existiert hätten, die Zoologen über die Jahrzehnte erfanden, um die oft eigenartigen Vorkommen von Tieren auf Inseln zu erklären.

Amerikanische Forscher um Chris J. Raxworthy vom Naturkundemuseum in New York sind der Sache nachgegangen („Nature“, Band 415, S. 784 –787). Sie haben mit molekulargenetischen und morphologischen Studien zuerst die stammesgeschichtliche Verwandtschaft der Chamäleons erforscht und dann mit den bekannten Fakten zur Erdgeschichte, vor allem der Entstehung von Kontinenten und Inseln, verglichen.

Ihr überraschendes Fazit: Chamäleons segeln! Keineswegs nämlich haben sich diese Kriechtiere des beschwerlichen Landweges bedient, als sie abgelegene Inseln wie die Komoren, die Seychellen oder gar Sri Lanka besiedelten. Vielmehr drifteten sie offensichtlich im Geäst von Sträuchern und Bäumen, die nach tropischen Stürmen über Flüsse ins Meer gespült wurden, über den Indischen Ozean. Festgehakt mit ihren Zankenfüßen, könnte ihnen dabei ihr hochrückiger Körper als Segel gedient haben, wenn sie sich – hart am Wind – auf weite Seereise begaben.

Der Verwandtschaftsanalyse zufolge haben die ursprünglichen Vertreter der Chamäleons einst auf Madagaskar gelebt. Die Forscher lesen aus ihren Befunden, dass sich Chamäleons von dort aus gleich mehrfach auf große Fahrt machten und nacheinander die isolierten Inseln und Atolle kolonisierten.

Bisher haben Biogeografen – also jene Zoologen, die sich berufsmäßig mit dem geografischen Vorkommen von Lebewesen beschäftigen – die Verbreitung von Tieren quasi gebetsmühlenhaft mit der Wanderung der Kontinente oder eben per imaginärer Landbrücke erklärt. Chamäleons galten dabei stets als sichere Bank, weil sie – gleichsam die Landratten unter den Reptilien – tatsächlich bestens an das Leben in Bäumen angepaßt erschienen und kaum einmal einen Fuß ins Wasser setzten. Jetzt lässt sich vermuten, dass sich noch weitere Tiere als seefeste Globetrotter erweisen. So könnten die Forscher gezwungen sein, ihre Überzeugungen einmal mehr zu wechseln – wie die sprichwörtlichen Chamäleons die Farbe.

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