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Wie Archäologen den Bau der U-Bahn in Köln lenken – und antike Gemäuer ausgraben

Michael Zick

Köln wühlt sich in den nächsten fünf Jahren durch sein unterirdisches Gedächtnis. Die Stadt baut eine U-Bahn – mitten durch ihr Herz, wo schon vor 7 000 Jahren Ur-Kölner am Ufer des Rheins hausten. Über vier Kilometer führt die Trasse durch die Altstadt und einen seit Jahrhunderten verlandeten Rheinarm. Der Tunnel wird im modernen Schildvortrieb unterirdisch, unter allen archäologischen Schichten gebaut. Aber technische Baugruben und die U-Bahnstationen durchstoßen an zehn Stellen die verborgene Geschichte. Kölns erste Glanzzeit begann, als die Römer um 20 v. Chr. auf der hochwassersicheren Rheininsel – die heute die Altstadt ist – den romfreundlichen Germanenstamm der Ubier ansiedelten.

Die Geschichte der Stadt beginnt gleich unter dem Pflaster: Die archäologisch wertvolle Schicht ist sechs bis 13 Meter dick und hat ein Volumen von 150 000 Kubikmetern. Der U-Bahnbau ist der bislang größte Eingriff in das unterirdische Gedächtnis der Stadt.

Hier setzt die Arbeit der Archäologen vom Römisch-Germanischen Museum ein. Projektleiter Marcus Trier hat sich zwei Jahre durch alle Quellen zur Kölner Stadtgeschichte gefressen: Mittelalterliche Stiche und vergilbte Fotografien, römische Berichte und fränkische Annalen, preußische Kataster und penible Kirchenfolianten. Daraus entstanden so genannte Pflichtenbücher, die den Baufirmen vorgeben, wie sie an den verschiedenen Baustellen vorzugehen haben – ein bislang in Deutschland einmaliger Vorgang: „Die Archäologie gibt“, so Trier, „den Taktschlag für die Arbeiten vor.“

Anhand seines Vorwissens konnte Trier zum Beispiel bei der geplanten Haltestelle Kurt-Hackenberg-Platz 18 Monate für die archäologischen Arbeiten veranschlagen. Denn die Wissenschaftler graben dort nach antiken Hafenanlagen. Um 50 n. Chr. hatte die Ubier-Siedlung den Status einer „colonia“ italischen Rechts bekommen. Rund 50 Jahre später wurde sie als Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) Hauptstadt der neuen Provinz Niedergermanien. In dieser Zeit baute man den Hafen in einem Rhein-Seitenarm zwischen Insel und Flussufer mit neuen Kaimauern aus. Warum die Römer nach weiteren 50 Jahren begannen, den für Handel und Militärlogistik wichtigen Umschlagplatz wieder zuzuschütten, ist bis heute nicht geklärt.

Antworten erhofft sich Trier aus der Baugrube Hackenbergplatz. Sie liegt über dem ehemaligen Nebenarm und reicht 30 Meter in die Hafen- und Flusssedimente hinab. Die Zuschüttung der Flussschleife mit einer Million Kubikmeter Erde und Schutt zog sich über mehrere Generationen hin. Trier interessieren weniger spektakuläre archäologische Einzelstücke, sondern Funde, die Zusammenhänge aufzeigen: Wie und von wem wurde das neu gewonnene Areal besiedelt?

Der Platz hat schon kleinere Sensationen freigegeben: In den Quellen wird eine mittelalterliche Kristallschleiferei erwähnt, die bislang unauffindbar war. Im Dezember hat man in einer Baugrube eine heiße Spur entdeckt: 60 000 Kristallsplitter. Außerdem stießen die Archäologen auf die römische Stadtmauer, einen Tempel und die mittelalterliche Dom-Immunität – die erzbischöfliche Stadt in der Stadt.

Die archäologischen Grabungen und die normalen Bauarbeiten laufen zeitlich weitgehend parallel. Mit einem wöchentlichen Jour fixe auf jeder Baustelle kontrolliert das Museums-Management die Einhaltung seiner Weisungen und den Fortschritt der archäologischen Arbeiten. Vor kurzem wurde eine fünfstellige Geldstrafe gegen eine Baufirma verhängt. „Wir scheuen uns nicht, eine Baustelle stillzulegen, wenn unsere Anordnungen nicht eingehalten werden“, sagt Trier.

Aus der großflächigsten Grabung der Kölner Archäologiegeschichte erwartet das Römisch-Germanische Museum eine Flut neuer Funde. Einen handfesten Gewinn hat schon jetzt Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner gezogen: Die Archäologen bargen aus einen spätmittelalterlichen Bollwerk mächtige Steinquader von Fenster- und Türleibungen. Das vulkanische Trachyt-Gestein war 1460 aus dem 50 Kilometer rheinaufwärts gelegenen Drachenfels gebrochen worden. Von dort stammen auch die Steine für den Chor, den ältesten Teil des Kölner Doms. Der Drachenfels steht heute unter Naturschutz, nicht einmal die Dombauhütte bekommt von dort auch nur einen Stein. Jetzt hat die Dombauherrin rund drei Kubikmeter Originalstein für die ständigen Restaurierungs- und Reparaturarbeiten am Weltkulturerbe Kölner Dom.

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