Gesundheit : Unterschätztes Risiko einer Ölkatastrophe

Exxon Valdez schädigt noch nach 15 Jahren Meeresleben vor Alaska

Roland Knauer

Fast 15 Jahre nach der Havarie des Öltankers Exxon Valdez im Prince William Sound vor Alaska ziehen Charles Peterson von der University of North Carolina in Chapel Hill und seine Kollegen ein niederschmetterndes Resümee. Die Schäden der Verunreinigung waren nämlich nicht, wie ursprünglich angenommen, nach kurzer Zeit beseitigt. Sie halten bis heute an, schreiben sie im aktuellen Heft der Fachzeitschrift „Science“.

Zur Erinnerung: Nach dem Untergang des Tankers am 24. März 1989 erfroren und verhungerten rund eine Viertelmillion Seevögel mit veröltem Gefieder. Das gleiche Schicksal erlitten 2800 See-Otter, weil ihr veröltes Fell sie nicht mehr vom kalten Wasser isolierte. 302 Seehunde gingen ein, weil sie Dämpfe eingeatmet hatten, die das Gehirn schädigten. Nie genau registrierte Mengen von Algen und anderen Pflanzen und Tieren wurden vom Öl direkt in Mitleidenschaft gezogen.

Bisher nahm man an, mit den Ölteppichen würden bald auch diese Folgen verschwinden – es landen dann ja auch keine verölten Vögel mehr an. Das ist zwar richtig, entspricht aber allenfalls der halben Wahrheit. Denn Dauerschäden bleiben, weil ein Teil des Öls auch nach mehr als einem Jahrzehnt noch im Ökosystem ist: Im Jahr 2001 fanden die Wissenschaftler immer noch mehr als 55Tonnen Öl an den Stränden des Sunds.

Auch im Gezeitenbereich und unter der Wasserlinie dürfte noch Öl vorhanden sein. Und das gibt noch lange die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) frei. Die PAK werden von Lachsen und Heringen aufgenommen, was ihren Laich vergiftet; Vom Nachwuchs überleben nur halb so viele Tiere wie aus nicht geschädigten Eiern.

Auch Muscheln filtern solche Kohlenwasserstoffe aus dem Wasser und reichern sie in ihrem Gewebe an. Prompt fanden die Wissenschaftler recht hohe PAK-Konzentrationen als sie 1996 die Klaffmuschel Protothaca staminea im betroffenen Meeresgebiet untersuchten. Diese Muschel ist aber die Leibspeise der See-Otter, die solche giftigen Verbindungen noch stärker in ihrem Gewebe anreichern. PAK können das Erbgut und die Embryonen schädigen. Die nach der Ölkatastrophe im betroffenen Meeresgebiet geborenen See-Otter verenden tatsächlich früher als Tiere in nicht verölten Regionen.

Das aber hat gravierende Folgen für das gesamte Ökosystem, weil die Otter sehr gern See-Igel fressen. Gibt es weniger Otter, vermehren sich die Igel stärker und fressen die Tang-Wälder im Meer kahl. Dadurch aber verlieren viele Fische ihre Heimat.

Auch die Kragenente frisst wirbellose Tiere in der Gezeitenzone, die PAK aufnehmen. Zwischen 1995 und 1997 nahm die Zahl dieser Enten im Prince William Sound jedes Jahr um fünf Prozent ab, während sie in anderen, nicht betroffenen Regionen unverändert blieb. Und die Forscher haben noch weitere solche Auswirkungen entdeckt. 15 Jahre nach der Katastrophe schädigt das Öl also immer noch wesentliche Teile des Ökosystems erheblich.

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