Gesundheit : Uran-Munition: "Wie ein Messer, das die Zellen durchdringt"

Rainer Woratschka

Bei der Nato in Brüssel will man die Aufregung nicht verstehen. Es sei doch bekannt, so eine Sprecherin, dass in Waffen mit abgereichertem Uran auch winzige Spuren von Plutonium vorhanden seien. Für den Berliner Strahlenschutz-Experten Peter Wust indessen schließt sich dadurch möglicherweise ein Kreis. "Die Plutonium-Spuren könnten einiges von dem erklären, was wir bisher nicht verstanden haben."

Was der Charité-Professor bislang nicht erkennen konnte, war ein Zusammenhang zwischen der im Kosovo verschossenen Uranmunition und den Blutkrebs-Erkrankungen etlicher Kfor-Soldaten. Das abgereicherte Uran 238 besitzt laut Wust nämlich keine sonderliche radiotoxische Bedeutung. Menschen, die es eingeatmet haben, würden "viel früher an einer Schwermetall-Vergiftung erkranken als an Leukämie".

Blutkrebs hingegen gilt als Folge starker Strahlenbelastung - und zwar als diejenige, die am schnellsten auftritt. Das könne bereits nach zwei, drei Jahren der Fall sein, sagt Wust; gewöhnlich liege die Grenze bei fünf Jahren. Besonders gefährdet seien außerdem Leber und Knochen.

Beim Plutonium verhält es sich genau umgekehrt wie beim Uran 238, erläutert der Strahlenschutz-Experte: "Hier steht die radiotoxische Bedeutung im Vordergrund." Und zwar ganz gewaltig. Laut Wust ist die spezifische Aktivität von Plutonium 200 000 Mal höher als die des abgereicherten Urans. "Bereits ein Millionstel Gramm verursacht eine deutliche Strahlenbelastung." Der Jahresgrenzwert, den Arbeitsmediziner gezogen haben, liege bei einem Zehntel davon, "und das wäre wirklich ein sehr sehr winziger Anteil".

Das Metall Plutonium ist in reiner Form silberweiß und das schwerste natürlich vorkommende Element. Jedes seiner 16 Varianten (Isotope) ist radioaktiv, die Halbwertszeit - also die Zeit, bis die Hälfte der Strahlung abgeklungen ist - liegt je nach Isotop zwischen 20 Minuten und 80 Millionen Jahren Jahren. Plutonium sei "eines der giftigsten Materialien, das der Mensch je geschaffen hat", sagt Jens-Peter Steffen, der deutsche Sprecher der Internationalen Ärzte für Frieden und soziale Verantwortung (IPPNW). Aufgenommene Teilchen seien "so dicht strahlend, dass die Strahlung umliegende Zellen wie ein Messer durchdringt und auch das Erbgut nachhaltig verändert". Das Krebsrisiko steige.

"Bei den Wirkungen des Urans musste man dahingehend argumentieren, dass eine Schädigung nicht ausgeschlossen werden kann", kommentiert das Internet-Portal "Medicine-Worldwide". "Bei dem Einsatz von Plutonium in den Geschossen wäre sie als nahezu sicher anzusehen."

Der Charité-Strahlenexperte Wust würde so weit nicht gehen. So lange nicht feststehe, wie hoch der Anteil des Plutoniums in der Munition tatsächlich sei, müsse man zurückhaltend sein. In beide Richtungen. "Es seien auch Konzentrationen denkbar, die als noch unschädlich gelten", sagt der Experte. Bei derart winzigen Mengen frage er sich aber schon, wie man die überhaupt noch nachweisen wolle. Und: "Wir bewegen uns dann in Größenordnungen, wo eine Überschreitung um das Zehnfache ganz schnell möglich ist."

0 Kommentare

Neuester Kommentar