Gesundheit : Urzwerg, der die Feuerkugel reitet

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In 120 Metern Meerestiefe vor Island lebt nach Angaben deutscher Mikrobiologen der kleinste bislang bekannte Mikroorganismus der Welt. Der „reitende Urzwerg“ ist ein winziges Bakterium, stammt vermutlich aus der Anfangszeit des Lebens und wächst bei Temperaturen von rund 100 Grad Celsius inzwischen auch im Labor von Karl Stetter an der Universität Regensburg. Die Arbeitsgruppe des Wissenschaftlers hat ihre Entdeckung im Fachblatt „Nature“ präsentiert. Demnach handelt es sich bei dem nur 400 millionstel Millimeter großen Bakterium um den ersten Vertreter eines vollkommen neuen Reiches urtümlicher Mikroben.

Der Winzling mit dem lateinischen n Nanoarchaeum equitans (etwa: „Urzwerg, der die Feuerkugel reitet“) habe ein etwa 160 Mal kleineres Volumen als das massenhaft im Darm des Menschen vorkommende Bakterium Escherichia coli und ist damit etwa so groß wie ein Pockenvirus, berichtet das Team. Sein Name deutet auf eine besondere Lebensweise hin: Der kugelige Zwerg wächst nicht alleine, sondern „reitet“ auf der Oberfläche einer zweiten Mikrobe namens Ignicoccus („Feuerkugel“). „Nach den Gründen dafür suchen wir derzeit noch“, sagt Stetter. „Vielleicht produzieren die großen Kugeln irgendeine Substanz, die die kleinen gut gebrauchen können.“ Mit rund 500 000 Erbgut-Buchstaben habe der Urzwerg zudem das kleinste Erbgut, das je bei einem Lebewesen gefunden wurde.

Zurzeit arbeiten die beiden US-Firmen Celera Genomics und Diversa an der Entzifferung des Erbgutes. Von der genauen Analyse erwarten die Regensburger Wissenschaftler wichtige Erkenntnisse über die genetische Minimalausstattung von Lebewesen. Stetter will vor allem wissen: „Was ist essenziell für das Leben?“ Er geht davon aus, dass Nanoarchaeum höchstens 400 Gene besitzt.

Zwar sind viele Viren noch kleiner als der Urzwerg. Viren sind jedoch keine Lebewesen, weil sie sich nicht selbstständig vermehren können, sondern dabei auf Zellen angewiesen sind. Ihnen fehlt damit ein Schlüsselmerkmal des Lebens.

Der Winzling stellt im Labor gehobene Ansprüche: Er wächst nur in kochendem Wasser, verträgt keinen Sauerstoff und benötigt Schwefel und vulkanische Gase. Solche Umstände decken sich vermutlich mit den Gegebenheiten auf der Ur-Erde, als vor rund 3,8 Milliarden Jahren das Leben entstand. „Damit könnte es sich bei Nanoarchaeum um eine Art lebendes Fossil aus den Anfängen des Lebens auf unserem Planeten handeln“, sagt der Professor.

Der winzige Organismus stammt aus einer Probe, die ein U-Boot auf dem „Kolbeinsey-Rücken“ im Vulkangebiet im Atlantik nördlich von Island genommen hat. Dort rücken die europäischen und amerikanischen Kontinentalplatten auseinander, Lava quillt nach oben.

In der Bruchzone entstehen dabei zahlreiche heiße Wasserströme. Der „reitende Urzwerg“ gehört zur Gruppe der Archaebakterien. Sie wachsen heute noch in Umgebungen, wie es sie vor mehreren Milliarden Jahren allerorten auf dem Planeten gab: in vulkanisch aktiven Zonen, kochenden Geysiren, heißen Schwefelquellen, konzentrierten Salzlösungen oder ätzenden Säurepfützen. Thilo Resenhoeft, dpa

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