Gesundheit : US-Stiftung engagiert sich für Migranten

Andrea Dernbach

Sie haben in Deutschland Abitur gemacht, sind gewandt und eloquent – brauchen solche viel versprechenden jungen Leute noch Nachhilfe? Ja, sagt Rolf Hoffmann. Der Leiter der deutsch-amerikanischen Fulbright-Kommission, die seit mehr als 50 Jahren junge Deutsche nach Amerika schickt, fragte sich schon länger, warum unter seinen Stipendiaten praktisch niemand „mit Migrationshintergrund“ war, also junge Leute mit türkischen, vietnamesischen oder arabischen Eltern.

Hoffmann hakte nach und erfuhr: Migrantenkinder haben selten Akademiker in der Familie und wissen deswegen wenig über die Möglichkeiten, an ein Stipendium zu kommen. Und schon im eigenen Land sehen sie sich als „Ausländer“ ausgegrenzt – da wächst die Angst, außerhalb Deutschlands zum doppelten Ausländer zu werden. Außerdem studieren sie oft Fächer, die direkt für einen Beruf qualifizieren. Ein Auslandsaufenthalt wird auf dem Weg zum eigenen Gehalt eher als Zeitverschwendung gesehen.

Zumindest diese Sorge konnte Hoffmann ihnen nehmen: Die ersten 20 Stipendiatinnen (die meisten sind Frauen) des neuen „Diversity-Programms“ der Fulbright-Kommission gehen nur für sechs Wochen nach Übersee. Sie besuchen Sommerschulen an US-Universitäten, können also pünktlich zum deutschen Semesterbeginn wieder am Schreibtisch zu Hause sitzen. Bis dahin werden sie maßgeschneiderte Schnellkurse hinter sich haben: Sechs Abiturienten dürfen in East Bay in Kalifornien erste US-Erfahrungen machen, die zweite, die „multilaterale“ Gruppe von Studierenden lernt in Nebraska und Pennsylvania unter anderem Business-Englisch, amerikanische Geschichte und die Kunst des geschliffenen Vortrags. Und sie wird mit Migranten der zweiten Generation aus anderen EU-Ländern zusammenkommen.

Programm Nummer drei gilt zehn Lehramtsstudenten mit Migrationshintergrund, auf die Fulbright als künftige Multiplikatoren besonderen Wert legt: „Sie werden als Lehrer weitergeben können, wie wichtig es ist, über die eigenen nationalen Grenzen hinauszudenken“, sagt Rolf Hoffmann. Die angehenden Lehrerinnen und Lehrer sollen in Anchorage in Alaska nicht nur Landeskunde lernen und erfahren, sondern sich auch mit anderen Lehrmethoden, etwa in Naturwissenschaften, vertraut machen.

Mit der deutschen Schule haben sie alle nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Hierzulande gibt es für „Ausländer“-Kinder oft genug keine Gymnasialempfehlung nach der Grundschule. Die angehende Pädagogin Michele Gurfinkel, deren Eltern aus Israel und der Ukraine stammen, hat das erfahren. Sie war nicht die einzige: „Kein Nichtdeutscher wurde fürs Gymnasium empfohlen.“ Und die Eltern können kaum helfen, berichten die Stipendiatinnen. „Ihnen fehlt es oft an Selbstbewusstsein“, sagt Mergime Mahmutay, deren Eltern Kosovo-Albaner sind. „Und viele kennen sich auch nicht genug aus, um zu wissen, was es bedeutet, wenn man auf der Hauptschule bleiben muss.“

Allen prophezeit Rolf Hoffmann nach der US-Zeit eine wichtige Integrationserfahrung, von der ihm andere Migranten berichtet haben: „Sie gehen als deutsche Ausländer in die USA und kommen als Deutsche zurück.“

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