Gesundheit : US-Unis unter Korruptionsverdacht

Studienkredite: Haben amerikanische Hochschulen und Banken Studenten betrogen?

Leonard Novy

Durchschnittlich 12 796 Dollar kostet in den USA ein Studienjahr an einer staatlichen Universität inklusive Unterkunft und Verpflegung. Bei privaten Colleges und Universitäten sind es mehr als 30 000 Dollar – fast 30 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Und während die Gebühren steigen, stagnieren die Realeinkommen der unteren und mittleren Bevölkerungsschichten seit Jahren – und die Stipendien und Zuschüsse für bedürftige Studenten gehen sogar zurück.

Man braucht keinen Taschenrechner, um sich auszurechnen, dass viele Studienanfänger in den USA die Frage umtreibt, wie sie sich das teure Studium finanzieren sollen. Immer weiter verbreitet sind Darlehen, die nach dem Abschluss zurückgezahlt werden. 20 000 bis 30 000 Dollar, je nach Ausbildung, sind der Schnitt – es kann auch schnell mehr werden.

An den Unis und Colleges werden Studenten bei der Suche des passenden Finanzierungspakets von extra dafür eingerichteten Beratungsstellen beraten. Diese Financial Offices greifen bei der Vermittlung von Darlehen meist auf die immer gleichen Unternehmen zurück: Sogenannte bevorzugte Kreditgeber („preferred lenders“). Studenten verlassen sich in der Regel auf die Empfehlungen ihrer Uni. Die Frage, ob bei den Empfehlungen neben dem Wohl der Studenten, sprich: den günstigsten Konditionen, auch andere, diesem sogar zuwiderlaufende Interessen eine Rolle spielten, hat in den USA zu einer heftigen Kontroverse geführt, die auch den Kongress beschäftigt: Kreditbranche und Hochschulen stehen unter Korruptionsverdacht, dem Bildungsministerium wird vorgeworfen, dem Geschehen zu lange tatenlos zugesehen zu haben.

Auf 85 Milliarden Dollar schätzt das nationale College Board das Gesamtvolumen von Studiendarlehen in den USA – ein Riesenmarkt, auf den sich gleich eine Reihe von Unternehmen spezialisiert haben. Für sie kommt der Preferred lender-Status einer Lizenz zum Gelddrucken gleich, insbesondere angesichts stattlicher Subventionen und Garantien, falls Studenten ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können. Und dafür waren sie in der Vergangenheit bereit, einiges zu tun, wie die Ermittlungen des New Yorker Generalstaatsanwalts Andrew M. Coumo in den vergangenen Monaten zeigten.

Der Jurist hatte die Verbindungen zwischen Universitäten und Darlehensindustrie im Bundesstaat New York unter die Lupe genommen und aufgedeckt, dass Kreditfirmen Hochschulen an den aus Studiendarlehen gewonnenen Umsätzen beteiligt oder Universitätsangestellte mit Geschenken, Reisen, Aktien oder Beraterverträgen geködert hatten. Schnell war klar, dass das Problem weit über die Grenzen des Bundesstaat New Yorks hinausgeht. So wurde nach Recherchen der unabhängigen New America Foundation bekannt, dass die Direktoren der Finance Offices der Columbia University, der University of Texas und der University of Southern California Anteile an einem Unternehmen hielten, das von ihren jeweiligen Universitäten als preferred lender geführt wurde. David Charlow von der Columbia University beispielsweise war im Besitz eines 70 000-Dollar-Aktienpakets der Firma Student Loan Xpress, die über ein Drittel der Kredite an der Columbia University vermittelt. Der inzwischen von seinen Aufgaben entbundene Charlow saß in einem beratenden Beirat des Unternehmens – als Vertreter der New Yorker Elite-Uni wiederum warb er dafür. So ließ er sich auf der Webseite von Student Loan Xpress zitieren: „Wir arbeiten seit vielen Jahren mit dem Student-Loan-Xpress-Team, weil es beständig die sehr hohen Ansprüche erfüllt, die unsere Studenten und deren Eltern an den Service ihrer Universität und den ihrer Partner stellen.“

Die New America Foundation sieht darin einen weiteren Beweis für Interessenkonflikte bei der Vermittlung von Darlehen. Wenn sie ihre Financial Aid Offices besuchten, gingen Studenten davon aus, dass sie von „unparteiischen, informierten Dritten beraten werden“, heißt es in einer Stellungnahme. Doch sei dies in der Praxis keineswegs immer der Fall.

In der Kritik steht nun die Bildungsministerin Margaret Spelling, der vorgeworfen wird, ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt und den Praktiken der Kreditindustrie viel zu lasch begegnet zu sein. Von demokratischen Abgeordneten heftig attackiert, wies sie jetzt vor dem Bildungsausschuss des Repräsentantenhauses jegliche Verantwortung zurück. Es habe ihr an rechtlichen Mitteln gefehlt, gegen die Missstände vorzugehen.

Ihre Kritiker sehen den Vorwurf der Kumpanei mit der Kreditwirtschaft indes auch durch einen im Januar gefassten Entschluss des Ministeriums bestätigt. Damals hatte das Ministerium dem Kreditunternehmen Nelnet, einem Großspender der republikanischen Partei, 278 Millionen Dollar Subventionen zugesprochen, die diesem – laut Aussage unabhängiger Prüfer – gar nicht zustehen. Spelling entgegnete, man habe dadurch verhindern wollen, dass das Unternehmen bestehende Schlupflöcher bei den Subventionsbestimmungen für Studentendarlehen voll ausnutzt und eine weitaus höhere Summe vor Gericht einklagt. Sie gestand ihren Kritikern aber zu, dass das System reformbedürftig sei. Nun ginge es darum „die Transparenz zu erhöhen, das ganze System zu sanieren und Studenten mehr Unterstützung zukommen zu lassen“.

Die jüngsten Enthüllungen lassen darauf schließen, dass die von Spelling angemahnte Transparenzoffensive ihr eigenes Haus mit einschließen sollte. Denn die Student-Loan-Industrie hatte nicht nur zu Universitäten und Colleges gute Verbindungen, sondern auch in den öffentlichen Dienst. Verantwortlich für die laxe Aufsicht über die Darlehensprogramme war Theresa S. Shaw, die selber 22 Jahre in der Branche gearbeitet hatte, bevor sie in der ersten Amtszeit George W. Bushs im Bildungsministerium anheuerte. Zwei Tage vor der Anhörung der Ministerin im Kongress trat die hochrangige Beamtin zurück.

Matteo Fontana, ein Mitarbeiter Shaws und ehemaliger Kollege beim Branchenprimus Sallie Mae, wurde beurlaubt, nachdem bekannt wurde, dass auch er Aktien von Student Loan Xpress für mindestens 100 000 Dollar besaß. Pikanterweise betreute er eine nationale Datenbank mit Informationen über Empfänger öffentlicher Finanzierungshilfen. Diese musste zwischenzeitlich abgeschaltet werden, weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass Informationen für Marketingzwecke missbraucht worden waren. Auch Spellings Stellvertreterin Sara Martinez Tucker, die im Januar die umstrittene Nelnet-Entscheidung verkündete, unterhielt enge Beziehungen zur Kreditindustrie, berichtete die New York Times.

Inzwischen haben diverse Darlehensgeber Angebote des Generalstaatsanwalts zur Beilegung der Verfahren auf dem Tisch, darunter Student Loan Xpress, das drei Millionen Dollar für die Verbraucheraufklärung spenden soll. Der Kongress bemüht sich, gegen Interessenkonflikte und Korruption vorzugehen. So sollen Unis in Zukunft keine Beteiligung an den aus Studiendarlehen erzielten Umsätzen mehr erhalten dürfen, Zuwendungen an Individualpersonen sollen ausgeschlossen werden. Zudem soll die Darlehensvergabe dereguliert werden.

Vielen Verbraucherschützern und Studenten geht das nicht weit genug. Einmal mehr, sagt Rahul Gairola, Doktorand an der University of Washington, hätten sich Universitäten „nicht wie verantwortliche Bildungseinrichtungen sondern wie Börsenmakler“ verhalten. Sie hätten dabei bewiesen, „was ohnehin jeder weiß, dass das Hochschulwesen in den USA vor allem eins ist: Business“.

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