Gesundheit : Variationen über den Menschen

Warum sind wir nicht alle gleich? Ein Forscher sucht nach Antworten

Hartmut Wewetzer

WAS KOMMT NACH DER ENTZIFFERUNG UNSERES ERBGUTS? GENOMFORSCHER AUS ALLER WELT TREFFEN SICH IN BERLIN

Manche einfachen Fragen sind in Wirklichkeit schwer. Zum Beispiel: Warum sehen Kinder ihren Eltern ähnlich? Natürlich wegen der Gene, lautet die korrekte Antwort. Aber wegen welcher Gene? Schon herrscht Ratlosigkeit. „Wenn wir ehrlich sind, wissen wir darüber herzlich wenig“, sagt Maynard Olson, Genomforscher an der Universität von Washington in Seattle. Auf dem Berliner Genom-Kongress philosophierte Olson darüber, wie Gene und Körperbau zusammenhängen – vor allem aber darüber, welche Ursachen es hat, dass wir Menschen uns voneinander unterscheiden.

Nur wenige Erbanlagen sind bis heute bekannt, die unser Aussehen beeinflussen. Es gebe ein Gen für rotes Haar, eines für Fettsucht, eines für das absolute Gehör und die Händigkeit – aber viel länger sei diese Liste bisher nicht, sagte Olson. Und wie kommt es dazu, dass wir alle anders aussehen? Auch da gibt es eine scheinbar einfache Antwort: Jeder 1000. Baustein unseres Erbguts unterscheidet sich von Person zu Person. Aber das sagt noch nichts darüber, warum diese Unterschiede entstanden sind. In Berlin spekulierte Olson über drei Evolutionsmodelle, mit denen sich die Vielfalt des Menschen erklären ließe:

Das platonische Modell: Danach gibt es in Anlehnung an Platon ein „ideales Genom“ und dementsprechend einen „idealen Menschen“. Jeder „reale“ Mensch ist dagegen mangelhaft, weicht vom Ideal ab.

Das Robinson-Crusoe-Modell: Diese Hypothese erklärt die Unterschiedlichkeit der Menschen damit, dass diese die Welt schrittweise erobert und sich im Kontakt mit ihrer Umwelt genetisch „angepasst“ haben. Ein Beispiel dafür ist die Milchzucker-Unverträglichkeit. 90 Prozent der erwachsenen Afrikaner reagieren auf Milch und Milchprodukte mit Verdauungsbeschwerden, unter den Finnen sind es dagegen nur 18 Prozent. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Menschen in Nordeuropa sich an die Haltung von Milchvieh anpassten – und damit gut über den kargen Winter kamen.

Das von-Neumann-Modell: Es geht auf den Mathematiker John von Neumann zurück. Er begründete die Spieltheorie, die heute oft zur Erklärung evolutionsbiologischer Zusammenhänge verwendet wird. Im Kern geht es darum, dass sich in einer langen Auseinandersetzung mit der Umwelt im menschlichen Erbgut ein bestimmtes Gleichgewicht verschiedener Gen-Varianten eingependelt hat. Dieses Gleichgewicht spiegelt jeweils die biologische Strategie wider, mit der sich der Mensch in einer bestimmten Epoche und einer Umgebung behauptete. Beispiel dafür ist das Blutgruppen-System.

Olson favorisierte das von-Neumann-Modell. Seine Überlegungen werden nicht bei jedem auf Gegenliebe gestoßen sein. Schließlich geht es in der Genom-Forschung mehr um Experimente und das Gewinnen neuer Daten. Aber genau da setzte Olson an. Das „obsessive“ Erforschen von Krankheiten nannte er voreilig. Für ihn ist klar: Zunächst müssen wir verstehen lernen, warum wir verschieden sind.

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