Gesundheit : Variationen von homo sapiens

CHRISTIANE HABERMALZ

Campus-Entdeckungen: Die pathologische Sammlung der Charité / Ort für PartysVON CHRISTIANE HABERMALZJoseph Tomè war Steinmetz.Er starb im Alter von 50 Jahren, erstickt an dem feinen Staub des Cottaer Sandsteins, der Hieb für Hieb seine Lungen gefüllt hatte.Das war vor hundert Jahren, am 28.April 1897.Jetzt liegen seine Lungen, in Formalin gebettet, in einem Glasbehälter der Pathologisch-Anatomischen Sammlung der Charité, versehen mit einem kleinen handschriftlichen Etikett: "Steinhauerlungen".Daneben, in einem anderen Glas, sind die zerfressenen Lungen der Näherin Anna Kühne zu sehen, die mit 26 Jahren an Tuberkulose starb. Wahrscheinlich haben sich Anna Kühne und Joseph Tomè zu Lebzeiten nie gekannt.Daß jetzt ihre Lungenflügel Seite an Seite in einer staubigen Vitrine im Flur des Instituts für Pathologie in der Charité stehen, ist der bedingungslosen Leidenschaft von zwei Männern zu verdanken.Der Sammellust des Arztes und Wissenschaftlers Rudolf Virchow, der viele Jahre seines Lebens auf die Zusammenstellung von allerlei anatomischen Besonderheiten und exemplarischen Krankheitsfällen verwandte und 1899 in der Charité ein eigenes pathologisches Museum gründete.Und der Beharrlichkeit von Peter Krietsch, des jetzigen Leiters der pathologisch-anatomischen Sammlung an der Charité, der fest entschlossen ist, die Restbestände der Präparate Virchows - ein Großteil wurde im Sommer 1944 durch Bomben zerstört - vor Motten und Staub zu retten und das Museum wiedererstehen zu lassen. Virchow, überzeugt, daß "das todte Material für uns wichtige Illustration des Lebenden" ist, gründete seine Sammlung vor allem zu Lehrzwecken.Seit 1856, dem Beginn seiner Lehrtätigkeit als Professor für Pathologie an der Charité, hatte der Wissenschaftler zusammen mit seinen Mitarbeitern über 23 000 Exponate zusammengetragen - als Anschauungsmaterial für seine berühmten Vorlesungen.Virchows Sammlung von Anomalitäten war schon zu seinen Lebzeiten ein Unikum.In Berlin gab es ein Gebot an die Ärzte, daß alle Mißgeburten und körperliche Fehlentwicklungen nach dem Ableben der Patienten für das pathologische Museum "requiriert" werden sollten. Wenn jetzt auch nur noch 2000 Exponate vorhanden sind - der Eindruck auf den Besucher ist doch nachhaltig.Aufgereiht in Glasbehältern aller Größen schwimmen eng umschlungene siamesische Zwillinge, starrt das einzige Auge eines "Zyklopen".In einem anderen Glas schwebt nur eine unförmige Masse an einer Nabelschnur."Mißbildung ohne menschliche Gestalt" heißt es dazu.Je weiter man die engen Flure entlanggeht, an deren Wänden die Vitrinen aus Platzmangel aufgestellt sind, um so mehr wird man sich der Launenhaftigkeit der Natur bewußt. Die ältesten Stücke der Ausstellung reichen zurück bis ins achtzehnte Jahrhundert, wie etwa der Schädel eines Soldaten aus dem ersten polnisch-russischen Krieg, dem man gleich fünfmal mit dem Säbel eins über den Kopf gezogen hatte.Offenbar hatte er es überlebt, denn das Etikett weist die tiefen Kerben in seiner Schädeldecke als "ausgeheilt" aus.Weniger Glück hatte das Exponat Nr.383/1920, 20 Jahre, männlich, dessen Schädel durch ein Infanteriegeschoß in viele kleine Einzelteile zerlegt worden war.Ein akribischer Präparator hat alle Splitter wie bei einem Puzzle wieder zusammengefügt.Beide Schädel gehören zu der Vitrine "Schuß-, Hieb und Stichverletzungen". Universitären Lehrzwecken dient die Sammlung im übrigen noch heute.Denn manche Exponate zeigen Krankheiten, die es heute in Europa kaum noch gibt - wie das deformierte Skelett eines Rachitikers zum Beispiel oder die Knochenverformungen am Schädel eines Syphilis-Patienten.Dennoch würde die Kuriositätensammlung wohl immer noch in den Kellern des pathologischen Instituts vor sich hinmodern, hätte der Virchow-Schatz nicht einen besonderen Hüter. Kustos Peter Krietsch ist seit 1965 an der Charité, seit sieben Jahren betreut er die Sammlung.Nun will er das pathologische Museum Virchows als Berliner Medizinhistorisches Museum wiedererstehen lassen.Doch neben den historischen Objekten sollen in den geplanten Ausstellungsräumen auch moderne Entwicklungen der Medizin dokumentiert werden: die Entwicklung des Herzschrittmachers etwa, von den ersten "steinzeitlichen", noch 150 Gramm schweren Modellen bis zu den neuesten Apparaten in Leichtbauweise, die gerade noch 14 Gramm auf die Federwaage bringen. "Am Anfang haben mich alle für verrückt erklärt, denn es war natürlich kein Geld da", erzählt Krietsch nicht ohne Genugtuung.Aber jetzt hat er schon einiges auf die Beine gestellt.Mit Unterstützung der Charité-Leitung und Sponsoren konnten im Erdgeschoß des pathologischen Instituts die ersten drei Ausstellungsräume des neuen Museums eingerichtet werden, die Räume in den oberen Etagen werden gerade ausgebaut.Krietsch weist auf die Vitrinen im Flur: "Als nächstes müssen die aus den Durchgängen weg und vernünftig untergebracht werden." Am 27.Juni 1999, auf den Tag genau hundert Jahre nach der feierlichen Eröffnung des pathologischen Museums durch Rudolf Virchow, will Krietsch "sein" Museum eröffnen.Bis dahin rührt er die Werbetrommel bei Sponsoren.Um Geld für den Ausbau zu beschaffen, wird die Ruine des Virchow-Hörsaals im Institut für Pathologie - zu DDR-Zeiten wurde der im Krieg zerstörte Gebäudeteil nur notdürftig ausgebessert und später als Rumpelkammer benutzt - als Veranstaltungsort mit morbidem Charme vermietet.Krietsch nimmt daran keinen Anstoß: "Wir entsprechen nur einem neuen Party-Trend, den Leuten kommt es doch auf eine möglichst exotische Umgebung an."

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