Gesundheit : Ventile des Lebens

Herzklappen werden heute oft „durch das Schlüsselloch“ operiert. Aber nicht jeder Patient ist geeignet

Adelheid Müller-Lissner

Die kleine Narbe unterhalb der rechten Brust ist kaum sichtbar. Der gut verheilte kleine Schnitt rührt von einer Herzoperation. Vor drei Monaten wurde am Herzen des 45-Jährigen ein Ventil repariert, die Mitralklappe. Sie verhindert beim Zusammenziehen der linken Herzkammer den Rückstrom von Blut in den linken Vorhof. Wird sie undicht, dann bedeutet das eine Mehrbelastung für die linke Herzkammer, die mit jedem Herzschlag eine größere Blutmenge pumpen muss. Sie zu flicken oder zu ersetzen, erfordert einen Eingriff am offenen Herzen. Eine Herz-Lungen-Maschine muss für mehrere Stunden die Arbeit dieser lebenswichtigen Organe übernehmen.

Keine kleine Sache also – doch die Operation an der Herzklappe geschah in diesem Fall minimal-invasiv. So nennen sich heute Eingriffe, bei denen die Zugangswege zum Operationsgebiet klein gehalten werden. In diesem Fall wurde der Brustkorb zwischen der vierten und fünften Rippe gespreizt, das Brustbein dafür nicht aufgetrennt. Der Herzchirurg verbessert, wenn er einen so kleinen Zugang wählt, seine Sicht durch Endoskope, durch die das Operationsfeld mit einer winzigen Kamera aufgenommen wird. Die Herz-Lungen-Maschine wird an den Gefäßen der Leiste angeschlossen.

Bei 707 der 16800 Herzklappen, die in Deutschland im Jahr 2003 operiert werden mussten, geschah das minimal-invasiv. Inzwischen hat der Prozentsatz etwas zugenommen. Hermann Reichenspurner, Ärztlicher Leiter des Universitären Herzzentrums Hamburg, einer Tochtergesellschaft des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf, gehört wie sein Kollege Bruno Reichart vom Münchner Uniklinikum Großhadern zu den Verfechtern des Schlüsselloch-Verfahrens. In einer kürzlich erschienenen Studie konnte der Hamburger Herzchirurg zeigen, dass die minimal-invasive Reparatur der Mitralklappe bei 120 Patienten problemlos vonstatten ging. „Die Befürchtungen der Gegner haben sich nicht bestätigt“, sagt Reichenspurner.

Allerdings sind die Patienten, die eine Schlüsselloch-Operation bekamen, hinsichtlich ihrer Risiken auch eine positive Auslese. Die Hamburger behandeln inzwischen die Hälfte der Patienten, die ein Problem nur mit dieser Klappe haben, minimal-invasiv. Ist allein die Aortenklappe betroffen, sind es mittlerweile sogar 70 Prozent. Roland Hetzer, Leiter des Deutschen Herzzentrums Berlin, schätzt dagegen, dass nur bei etwa 20 Prozent aller Herzklappen-Eingriffe der kleinere Schnitt in Frage kommt. Er warnt: „Störungen im Operationsablauf sind bei diesem Zugang schwerer zu beherrschen, die Sicherheit des Patienten sollte immer an erster Stelle stehen.“ Hetzer verweist darauf, dass immer mehr hochbetagte, mehrfach kranke Menschen am offenen Herzen operiert werden.

Hauptgrund für Klappenoperationen sind nämlich heute Verengungen (Stenosen) der Aortenklappe, die als verschleißbedingt gelten und mit dem Alter zunehmen. Andere Herzklappenfehler entstehen als Folge eines Infarkts oder auch einer Herzklappenentzündung durch Bakterien. Die wenigsten Herzklappenfehler sind dagegen angeboren. Wenn die Beschwerden nicht mit Medikamenten einzudämmen sind, bleibt meist nur die Operation. Nur wenn die Mitralklappe undicht ist oder – seltener Fall – die Trikuspidalklappe der rechten Herzkammer schwächelt, hat eine Wiederherstellung ohne Klappenersatz Aussicht auf Erfolg. Bei einer undichten Mitralklappe gelang die Reparatur im Juli dieses Jahres in Hamburg sogar mit einem Herzkatheter. Dabei wurde eine Metallspange durch die Halsvene in die große Herzvene eingeführt. Eine Öffnung des Herzens war nicht nötig. Die Aortenklappe dagegen muss meist ganz durch Fremdmaterial ersetzt werden (siehe Kasten). Bei einem Eingriff, für den das Herz geöffnet wird.

Vom kleineren Zugang erhofft man sich, dass die Wunde schneller heilt und die Schmerzen geringer sind, weil das Brustbein nicht durchtrennt wurde. „Das ist allerdings nicht so leicht objektivierbar“, muss Reichenspurner zugeben. Und Hetzer erinnert daran, dass erst zu Beginn der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts diese Durchtrennung eingeführt und der zuvor übliche seitliche Zugang unmodern wurde: „Man erhoffte sich davon eine Verringerung der Beschwerden.“

Befürworter einer breiten Anwendung der minimal-invasiven Verfahren und Skeptiker sind sich einig: Das Wichtigste bleibt, dass die Herzklappe selbst optimal repariert werden kann, ohne dass das Risiko erhöht ist. „Wenn das gegeben ist, ist für mich der Wunsch des Patienten entscheidend“, sagt Reichenspurner.

Mehr Informationen: Broschüre „Herzklappenerkrankungen heute“, zu beziehen über die Deutsche Herzstiftung, Vogtstr. 50, 60322 Frankfurt am Main

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