Gesundheit : Verbeugung vor der Freiheit

Jürgen Kocka trifft Fritz Stern

Michael Zajonz

Was die Welt derzeit über die Folterungen irakischer Gefangener erfährt, beschädigt das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten. So war es sicher kein Zufall, dass der Berliner Historiker Jürgen Kocka seinen Vortrag „Freiheit als Problem der deutschen Geschichte“, den er jetzt an der American Academy hielt, mit einer symbolischen Verbeugung begann: vor den mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erstmals verbrieften individuellen Freiheitsrechten. Was wohl einen sanften Appell an seine Zuhörer einschloss: Die privat finanzierte Forschungs- und Begegnungsstätte steht wie keine zweite Institution in Berlin für das liberale, das intellektuelle Amerika.

Kocka, seit drei Jahrzehnten einer der profiliertesten deutschen Historiker, sprach vor einem erlesenen Kreis, dem Kuratorium der Academy. Die nach dem 1926 in Breslau geborenen und 1938 emigrierten deutsch-amerikanischen Historiker benannte zweite „Fritz Stern Lecture“ lockte überdies Berliner Fachkollegen in die Villa am Großen Wannsee. Zu den prominenten Gästen, die sich in beinahe familiärer Runde zeigten, zählte neben Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und seiner Frau der ehemalige amerikanische Botschafter und jetzige Academy-Chairman Richard Holbrooke. Sie alle waren auch gekommen, um Fritz Stern – ebenfalls Kuratoriumsmitglied – zu treffen.

Doch Stern, dessen oft persönlich grundierte Analysen deutscher Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert 1999 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurden, hielt sich vornehm zurück. So konnte Kocka seine – nicht unproblematische – These von zwei sich gegenüberstehenden Freiheitsdefinitionen in der jüngeren deutschen Geschichte entwickeln.

Freiheit sei entweder als negativ konnotierte „Freiheit von etwas“ oder als emanzipatorische „Freiheit zu etwas“ denkbar. Auf Phasen, die individuelle Entgrenzung in Kauf genommen hätten, folgten stets solche, die Freiheit administrativ zu regulieren suchten.

Erst der Zivilisationsbruch des NS-Staates habe in Deutschland ein Bewusstsein des Verlustes ermöglicht, welches sich langfristig – hier fiel das unvermeidliche Wort von der Zivilgesellschaft – zu einer gesamteuropäischen Kultur individueller Freiheit in Verantwortung entwickeln kann. Damit knüpfte Kocka direkt an Sterns 1996 unter dem Titel „Verspielte Größe“ publizierte Essays zur deutschen Geschichte an.

Der Meister antwortete mit jenem Heine-Zitat, mit dem er schon 1992 der Lebensgeschichte Willy Brandts gedacht hatte: „Die Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume, und erst im Gefängnis fühlt man den Wert der Freiheit. So beginnt die deutsche Vaterlandsliebe erst an der deutschen Grenze, vornehmlich aber beim Anblick deutschen Unglücks in der Fremde.“

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