Gesundheit : Verbrannte Flügel

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Hartmut Wewetzer über den tiefen Fall des Physikers Jan Hendrik Schön

Selten wohl ist ein Wissenschaftler in so kurzer Zeit so schnell aufgestiegen und so tief gefallen. Der erst 32 Jahre alte deutsche Physiker Jan Hendrik Schön war ein aufgehender Stern am Himmel der Physik, schon in jungen Jahren Nobelpreisanwärter und ein heißer Kandidat für ein Direktorenamt in der Max-Planck-Gesellschaft. Da ereilt ihn der Karrieretod.

Eine Prüfungskommission stellt fest, dass das Junggenie in 16 von 24 überprüften Verdachtsfällen Daten in wissenschaftlichen Veröffentlichungen manipuliert, vulgo: gefälscht hat. Der Stern ist verglüht, schlagartig zu Asche geworden. Übrig bleibt eine vernichtete Karriere. Und die Frage: Warum? Was hat Schön, dessen in der Forschung nun für immer geächtet ist, zu diesem Aberwitz getrieben?

Der Ausnahmewissenschaftler hatte sich während seiner Arbeit in den Bell-Laboratorien in einen wahren Schaffensrausch hineingesteigert: Im Jahre 2001 etwa veröffentlichte er durchschnittlich alle acht Tage eine wissenschaftliche Studie. Das wäre gigantisch viel, selbst für den Chef eines großen biomedizinischen Forschungslabors, in dem unter hohem Druck und mit Personaleinsatz rund um die Uhr veröffentlicht wird.

Für einen Physiker ist die horrende Zahl an Studien schlicht unglaubwürdig, nicht mehr nachvollziehbar. Hat Schön im Ernst geglaubt, seine Manipulationen würden keinem auffallen? Hat er gehofft, die atemberaubende Zahl seiner Veröffentlichungen würde nicht das Misstrauen der Konkurrenz wecken, von ihrem Neid ganz zu schweigen? Oder war er ein großer Naiver, ein Künstler, der die an Fakten gefesselte Wissenschaft mit der Freiheit des Schöpferischen verwechselte? Hat er vielleicht, benommen und angefeuert von seinem Erfolg, Wahrheit und Erfindung nicht mehr auseinander halten können oder wollen?

Wie auch immer man es dreht, man wird es nicht verstehen, was den Überflieger zu seinem verwerflichen Verhalten trieb. Und schon jetzt möchte man sich die Ohren vor dem Chor der Zyniker zuhalten, vor all jenen Stimmen, die sagen werden: Wir haben es ja schon immer gewusst! Nichts als Lug und Trug! Auch auf die Wissenschaft ist kein Verlass mehr! Schöns Sturz hat einen Abgrund geöffnet.

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