Gesundheit : "Verdi in der Schule": Oh, wie verführerisch

Frederik Hanssen

Zum Beispiel "Choco Crossies": Den Herstellern des beliebten Mandel-Knusper-Konfekts haben wir es zu danken, dass jeder Jugendliche im schulpflichtigen Alter Giuseppe Verdis "Rigoletto" kennt. Zumindest virtuell - denn im TV-Spot für die Nascherei machen sich fröhliche Werbemenschen ihren eigenen Reim auf die Worte des Herzogs von Manuta: Statt trügerischer Weiberherzen preisen sie die Lockungen der Schokolade: "Oh, wie verführerisch...".

Jeder Lehrer, der die Melodie im Musikunterricht vorspielt, kann sich sicher sein, dass die Kids nach spätestens fünf Sekunden "Choco Crossies!" schreien. Soll man sich diesen Wiedererkennungseffekt zunutze machen, um über den Umweg der Konsumwelt den Schülern die Oper zu schmackhaft machen? Fragen wie diese beschäftigten jetzt 70 Berliner Pädagogen bei der Tagung "Verdi in der Schule", die im Rahmen der Berliner "Festlichen Verdi-Tage" von den drei hauptstädtischen Musiktheatern veranstaltet wurde. Dabei ging es allerdings nicht um den vor 100 Jahren verstorbenen Maestro allein, sondern um die Möglichkeiten der Vermittlung von Oper überhaupt.

Zum Auftakt des Fortbildungs-Tags, der in den Räumlichkeiten der Deutschen Oper stattfand, konfrontierte Christoph Richter in einem Vortrag Intendanten, Regisseure, aber auch das Publikum mit einem ganzen Forderungskatalog: Zum Beispiel mit der gewagten These, dass nur derjenige wirklich von den gesungenen Geschichten berührt werde, der auch selber singen könne. Richters Wunsch, die Oper solle ein Ort sein, an dem sich das Publikum "zu Hause" fühlt, weil es dort die künstlerische Entwicklung der Ensemblemitglieder über Jahre mitverfolgen könne, sprach zwar für die Opernbegeisterung des HdK-Musikpädagogik-Professors, setzt aber bereits einen regelmäßigen, "freiwilligen" Kontakt mit dem Genre voraus. Davon, wie schwierig es ist, Jugendliche zu überreden, sich überhaupt auf das Genre einzulassen, können die Lehrer ein Lied singen. Die Vorurteile sitzen tief: Da schreien fette Frauen, und keiner versteht, wovon die Story handelt.

Richter gab da die Verantwortung an die Regisseure weiter. Die müssen sich als Dolmetscher verstehen, dem Publikum den Weg zum Geamterlebnis Oper ebnen: Zu erreichen sei dies nur durch die Vermittlung zwischen dem Vertrauten, das die Besucher mitbringen, und dem Fremden, das ihnen in den alten Stoffen und komplexen musikalischen Strukturen auf der Bühne begegnet. Allerdings dürften sie dabei nie so weit gehen, den historischen Kontext außer acht zu lassen oder gar gegen den "Sinn" der Musik zu inszenieren. Mit diesem Ansinnen begab sich der Wissenschaftler ebenso auf interpretatorisches Glatteis wie mit seiner Forderung, jeder Regisseur müsse seine Inszenierungskonzepte "vom Publikum her" konzipieren. Für wen er seine Produktionen erarbeitet und welchen Sinn Musik und Libretto haben, wird nämlich jeder Künstler für sich anders definieren.

Opern brauchen Dolmetscher

Das wurde in der anschließenden Podiumsdikussion deutlich. Andreas Homoki, dem künftigen Chefregisseur der Komischen Oper, beispielsweise ist der Spaß-Faktor das Abends wichtig. Vor allem aber will er Opern so erzählen, dass keiner fragt: "Warum singt der denn jetzt?" Der Dortmunder Intendant John Dew bekannte sich zum Dolmetscher-Auftrag: Etwas anderes bliebe ihm gar nicht übrig, denn die Oper sei dem Kabuki-Theater in seiner artifiziellen Antiquiertheit sehr ähnlich geworden, seit die Operngänger neue Werke nicht mehr akzeptierte. "Eigentlich müsste man Komponisten verpflichten, Musik zu schreiben, die das Publikum hören will."

Die Pädagogen im Publikum, die die Insiderdebatte geduldig verfolgten, wollten lieber den Regisseur dazu verpflichten, alles erklären zu können, was er auf die Bühne bringt. Genau das erwarteten die Schüler nämlich von den Lehrern. Deshalb bräuchte man Inszenierungen, die auch ohne Erkärungen verständlich sind, forderte eine Zuhörerin: "Unsere Kinder haben das Recht darauf, naiv in die Oper zu gehen und so überwältigt zu werden, wie sie das von Fernsehserien wie Star Trek kennen."

Oder eben aus der "Choco Crossies"-Reklame. Der Workshop, den Ulrike Mirow und Oliver Krämer zu dem Thema auf der "Probebühne B" anboten, lockte viele der Teilnehmer. Vor allem bei der "praktischen Arbeitsphase" machten die Pädagogen begeistert mit: Auf die Analyse der Funktionsmechanismen von Klassik-Sounds in der Produktvermarktung folgte nämlich der Auftrag, aus dem "Traviata"-Trinklied einen eigenen TV-Spot zu entwicklen. Das klassische Kleidungsstück Jeans, die trendigen Kickboard-Roller und die Deutsche Bahn kamen so zu neuen witzigen Werbesongs. Wenn es den Lehrer im Unterricht gelingt, die Schüler mit solcherlei - oh wie verführerischen - Tricks in ihrer Alltagsrealität abzuholen und für die Oper zu gewinnen, braucht sich um das Publikum der Zukunft niemand mehr Sorgen zu machen.

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