Gesundheit : Verdrängungsgefahr im Gehirn

Jedes Jahr erkranken 800 Menschen in Deutschland am Akustikus-Neurinom – am Anfang stehen oft Probleme mit dem Hören

Adelheid Müller-Lissner

Der 60-Jährige war einer der etwa 10000 Menschen, die in jedem Jahr in Deutschland einen Hörsturz erleiden: Ganz plötzlich konnte er auf einem Ohr nichts mehr hören, außerdem machten sich unangenehme Ohrgeräusche bemerkbar, Tinnitus genannt. Der Patient wurde von seinem Hals-Nasen-Ohrenarzt ins Krankenhaus überwiesen und dort mit Infusionen behandelt. Weil die Ergebnisse spezieller Tests auf eine Schädigung des Hörnervs hindeuteten, wurde aber auch eine computergestützte Schichtaufnahme des Gehirns gemacht, ein Kernspin- oder Magnetresonanztomogramm (MRT), mit dem die Strukturen mehrdimensional dargestellt werden können. Dabei stellte sich heraus, dass der Hörsturz dieses Patienten eine eher seltene Ursache hatte: Er war einer von 800 Menschen, bei denen in jedem Jahr in Deutschland die Diagnose Akustikus-Neurinom gestellt wird.

Akustikus-Neurinom, das ist der Name für einen Tumor, der aus Hüllzellen der Nerven entsteht. Er bildet sich im inneren Gehörgang am Hör- und Gleichgewichtsnerv und dehnt sich dann allmählich in den Hirnraum aus. Dort kann er neben Gleichgewichts- und Hörnerv noch andere wichtige Strukturen quetschen. Und damit nicht nur Taubheit auf einem Ohr und Gleichgewichtsstörungen, sondern auch die gefürchteten Lähmungen des Gesichtsnervs auslösen.

Den Tumor, der direkt aus der Nervenhülle heraus wächst, behutsam herauszuschälen, ist für den Operateur Millimeterarbeit. Die Operation geschieht heute unter ständiger Kontrolle der Funktion der benachbarten Nerven. Um die Arbeitsfähigkeit des Gesichtsnervs zu überwachen, werden beispielsweise an mehreren Stellen im Gesicht Elektroden angesetzt. Der mikrochirurgische Eingriff ist eine Tüftelarbeit, die fünf bis zehn Stunden dauern kann. Trotzdem ist das Risiko groß, bei der Entfernung der Geschwulst, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Kleinhirns und des Hirnstamms wächst, genau das herbeizuführen, was sonst vom wachsenden Tumor zu befürchten ist: Taubheit und Lähmungen. Eine zweite Möglichkeit besteht in der Behandlung mit Strahlen, die dem Tumor so zusetzen, dass er nicht weiter wachsen kann. Falls er das doch tut, ist er jedoch später schwerer zu operieren. Und auch die Strahlen können die Nerven schädigen.

Warum und wie diese Tumoren entstehen, ist noch unbekannt. Möglicherweise tragen viele von uns eine kleine, unauffällige Nervengeschwulst dieser Art mit sich. Oft wird das bei einem MRT ganz zufällig entdeckt, das eigentlich aus anderem Grund gemacht wird. Es gibt allerdings eine Unterart eines genetischen, vererbten Leidens, der von-Recklinghausen-Krankheit. die zu solchen Tumoren führt. Bei dieser Erkrankung, die auch Neurofibromatose 2 genannt wird, bilden sich die Neurinome aber meist auf beiden Seiten. Sie wachsen schneller, die Patienten sind jünger. Operationen sind also nötig, die Krankheit führt trotzdem oft zu völliger Taubheit. Ein Gentest gibt Aufschluss über die Neurofibromatose.

Dass es Selbsthilfegruppen gibt, ist bei seltenen Krankheiten besonders wichtig. „Ein niedergelassener Hals-Nasen-Ohren-Arzt sieht in seinem ganzen Berufsleben vielleicht drei bis fünf Kranke mit Akustikus-Neurinom“, gibt Jürgen Kussatz von der Vereinigung Akustikus Neurinom e.V. zu Bedenken. Durch Faltblätter, die sie in Praxen auslegen, wollen die Mitglieder dieser Vereinigung nicht nur möglicherweise Betroffene, sondern auch die Ärzte auf die richtige Fährte führen. Außerdem können sie, wenn die Diagnose gestellt wurde, Adressen von Behandlungszentren weitergeben.

Einige Betroffene erfahren dort, dass sie möglicherweise auch erst einmal abwarten können. Zumindest, wenn der Tumor unter 15 Millimeter Durchmesser hat, verschwinden die Symptome wieder oder halten sich im erträglichen Rahmen. Regelmäßige MRT-Kontrollen müssen dann aber Aufschluss darüber geben, ob und wie stark das Akustikus-Neurinom weiter wuchert – oft wächst es glücklicherweise nur langsam.

„Doch nur in einem von 1000 Fällen kommt das Neurinom wirklich zum Stillstand“, gibt der Neurochirurg Majid Samii zu bedenken. Der erfahrene Operateur, der im International Neuroscience Institute in Hannover arbeitet, plädiert für frühes chirurgisches Eingreifen: „Um das Hörvermögen zu erhalten, sollte im Zweifelsfall so früh wie möglich operiert werden.“ Der Vertreter der Selbsthilfegruppe und der Neurochirurg sind sich angesichts der Risiken für Gehör und Gesichtsnerven aber einig: „Die Qualität der Operation steht und fällt mit der Erfahrung des Operateurs.“ 50 Operationen im Jahr sollte der schon ausführen, so Samii. So viel Erfahrung ist bei einem Tumor, der jedes Jahr bei zehn von einer Millionen Menschen festgestellt wird, nur schwer zu erwerben.

Mehr im Internet unter:

www.akustikus.de

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