Gesundheit : Vergangenheit als Lebensthema

Dem Historiker Saul Friedländer zum 70. Geburtstag

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Von Julius H. Schoeps

Paris, Genf, Tel Aviv und Los Angeles: Stationen eines Historikers, der sich Zeit seines Lebens der Aufgabe verschrieben hat, den Motiven und Gründen des NS-Judenmordes auf die Spur zu kommen. Die Rede ist von Saul Friedländer, heute Professor in Tel Aviv und Los Angeles, Publizist und Autor wegweisender Werke zur Geschichte und Ideologie des Nationalsozialismus. Die von ihm in den letzten Jahrzehnten vorgelegten Studien haben unser Bild über die NS-Zeit nachhaltig geprägt. Jeder, der sich mit dem Nationalsozialismus und den Umständen des NS-Judenmordes beschäftigt, kommt nicht umhin, sich mit Friedländer auseinander zu setzen.

Eine Erinnerung aus den siebziger Jahren: Saul Friedländer bei einer Konferenz an der Tel Aviver Universität. Den Eröffnungsvortrag hielt der Mittelalterhistoriker Amos Funkenstein. Funkenstein, ein Gelehrter alten Stils, brillierte. In seinem Vortrag wechselte er von einer Sprache in die andere, zitierte auf Hebräisch, Aramäisch, Griechisch, Latein. Alle waren beeindruckt. Saul Friedländer raunte seinem Sitznachbarn, dem Autor dieser Zeilen, ins Ohr: „Na, da sehen Sie es. Amos ist der Pilot, wir das Bodenpersonal.“

Ein ironischer Kritiker

Bei den Begegnungen, die ich mit Saul Friedländer hatte, habe ich dessen Art, kritische Sachverhalte ironisch und gleichzeitig elegant darzustellen, bewundert. Friedländer nimmt in öffentlichen Angelegenheiten Stellung, artikuliert präzise, wird dabei aber nie ausfallend. Ob das der Historikerstreit war oder die Walser-Bubis-Debatte: Friedländers Wort hatte und hat Gewicht.

Saul Friedländer wurde 1932 in Prag als Kind deutschsprachiger Juden geboren. Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchteten die Eltern mit ihrem Sohn, damals Paul genannt, nach Frankreich. Doch dann begann die Pétain-Regierung, jüdische Flüchtlinge abzuschieben. Aus Angst um das Leben ihres Kindes gaben die Eltern Friedländer ihren Sohn in ein katholisches Internat, wo er den n Paul-Henri Ferland erhielt, was ihn vor der Verfolgung durch die Schergen der NS schützte. Die Eltern ließen wahrscheinlich in Auschwitz ihr Leben.

Der junge Paul-Henri fühlte sich zum Priester berufen. Aber nach dem Krieg wird er von seiner Vergangenheit eingeholt. In einem langwierigem Prozess findet er zum Judentum, und damit zu sich selbst zurück. 1948, kurz nach Gründung des Staates Israel, landet er, als Saul Friedländer, im Land der Väter. Saul Friedländer hat die Suche nach der Vergangenheit zu seinem Lebensthema gemacht. Als Historiker beschäftigt ihn von Anfang an die Frage, wie ein kulturell so entwickeltes Volk wie die Deutschen den Weg gehen konnte, der zum größten Verbrechen der Geschichte führte. Über Jahrzehnte war Friedländer bemüht, den Umständen auf die Spur zu kommen, die den Aufstieg des Nationalsozialismus begünstigt haben. So fragte er in seinem Erstling „Pius XII. und das Dritte Reich“ (1965), inwieweit der Heilige Stuhl Mitverantwortung am organisierten Judenmord hatte.

„Kitsch und Tod“

In dem Essayband „Kitsch und Tod“ (1984) ist Friedländer andererseits bemüht gewesen, kritisch den Widerschein des Nazismus in Filmen und Büchern als politisch-ästhetisches Phänomen unserer Zeit zu untersuchen. Das Gleiche gilt für das Sammelwerk „Richard Wagner im Dritten Reich“ (1999). In diesem Band wird erörtert, warum gerade Deutschland das Land war, in dem es zu einem „Zivilisationsbruch“ ungeahnten Ausmaßes gekommen ist.

In seinem Opus Magnum „Das Dritte Reich und die Juden“ , von dem 1998 der erste Band erschienen ist, führt Friedländer aus, wie es zum Judenmord kam. Für ihn war es ein Zusammenspiel von Planung und Zufall, von klar erkennbaren Absichten und wechselnden, zum Teil nicht voraussehbaren Umständen. Friedländer folgt in seinen Ansichten jedoch nur bedingt Historikern wie Martin Broszat, Karl Schleunes oder Hans Mommsen, die sich als „Funktionalisten“ begreifen und bezweifeln, dass es einen „Entschluss“ zum Judenmord gegeben habe.

Friedländer steht in der Deutungstradition des Politikwissenschaftlers Eric Voegelin, der den Hitlerschen Nationalsozialismus schon Mitte der dreißiger Jahre als eine politische Religion bezeichnete. Auch Friedländer neigt dazu, im Nationalsozialismus eine religiöse Dimension zu sehen. Er spricht von „Erlösungsantisemitismus“ und ist der Ansicht, der Hitlersche Nationalsozialismus könne eigentlich nur als eine Heilslehre gedeutet werden. Dieser Erklärungsansatz stößt zunehmend auf Sympathie und kann für sich Plausibilität beanspruchen.

Zu Saul Friedländers 70. Geburtstag kommt dem Verfasser dieser Zeilen der Kommentar in Erinnerung, den Friedländer beim Auftritt Amos Funkensteins vor einem Vierteljahrhundert äußerte. Friedländer ist inzwischen vom Bodenpersonal zum Piloten aufgestiegen. Dazu gratulieren wir und wünschen ihm auf Hebräisch ein langes Leben – „ad mea we esrim“, was ins Deutsche übersetzt heißt, „möge er 120 Jahre alt werden“.

Der Autor ist Historiker an der Universität Potsdam.

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