Gesundheit : Vergebliches Bemühen um Moses Mendelssohn - Ausstellung zum Kongress

Anne Strodtmann

"Kant in seinen Mußestunden hat das Ding an sich erfunden." Und diesem "Ding an sich" gehen unter anderem die Kantforscher aus aller Welt auf ihrem IX. Kongress seit Sonntag in der Humboldt-Universität nach. Die Staatsbibliothek zu Berlin würdigt dieses Ereignis mit einer Ausstellung "Kant und die Berliner Aufklärung", die heute Abend eröffnet wird. Immanuel Kant war zwar nie in Berlin - tatsächlich ist er über die nähere Umgebung seiner Heimatstadt Königsberg nicht hinausgekommen. Das hat er aber offensichtlich nicht als Mangel empfunden. Er schreibt 1798, die ehemalige Hansestadt "kann schon für einen schicklichen Platz zur Erweiterung sowohl der Menschenkenntniß als auch der Weltkenntniß genommen werden, wo diese, auch ohne zu reisen, erworben werden kann."

Reger Briefwechsel mit Gelehrten

Kant stand jedoch von Königsberg aus in regem Briefwechselmit Gelehrten in anderen Städten, so mit ehemaligen Schülern, die sich in Berlin niedergelassen hatten. Einer der Briefpartner war der Mediziner Marcus Herz, dessen Frau Henriette einen der bedeutendsten Berliner Salons führte. In einem Brief berichtet Kant dem Marcus Herz über die Arbeit an seinem Hauptwerk, der "Kritik der reinen Vernunft" Kant wörtlich in einem Brief, der in der Ausstellung der Staatsbibliothek zu sehen ist: "Meines Theils habe ich nirgend Blendwerke zu machen gesucht und Scheingründe aufgetrieben um mein System dadurch zu flicken sondern lieber Jahre verstreichen lassen um zu einer vollendeten Einsicht zu gelangen." Er bat Herz, auf den berühmten, in Berlin lebenden Denker der Aufklärung Moses Mendelssohn einzuwirken, dass dieser das ihm übersandte Exemplar der "Kritik der reinen Vernunft" liest. Doch der berühmte Berliner Aufklärer lehnte ab. Das war für Kant eine herbe Enttäuschung. Hatte er doch seine philosophischen Schriften, die er niemals in seine Vorlesungen an der Universität Königsberg einbrachte, nicht für Studenten, sondern für eben jene "Weltweisen" geschrieben, zu denen er auch Mendelssohn zählte. In der Ausstellung ist der Brief an Herz als Digitalkopie zu besichtigen - das Original befindet sich in der Universitätsbibliothek von Tartu (früher: Dorpat). Die Esten waren auf Grund leidvoller Erfahrung nicht bereit, das Handschreiben Kants mit anderen Beispielen aus der so genannten Morgensternschen Briefsammlung der Staatsbibliothek für die Ausstellung zu überlassen: Im Jahre 1895 hatten sie die Sammlung an die Akademie der Wissenschaften in Berlin ausgeliehen und erst 100 Jahre später zurückbekommen!

Kant korrespondierte nicht nur mit den ehemaligen Schülern, er pflegte auch einen engen Kontakt zu anderen Persönlichkeiten, die für ihn als philosophische Gesprächspartner oder als Herausgeber von Zeitschriften interessant waren. Zu ihnen gehörte Johann Erich Biester, der von 1777 an in Berlin lebte und 1783 gemeinsam mit Friedrich Gedicke die "Berlinische Monatsschrift" herausgab, die in der Ausstellung gleich mit mehreren Exemplaren gezeigt wird. Kant bekam diese Zeitschrift nicht nur regelmäßig von Biester zugeschickt, er veröffentlichte selbst 15 Aufsätze in dem Organ - darunter befindet sich auch seine berühmte "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?"

Die Aufklärung war in Berlin populär - zumindest solange Friedrich der Große lebte. Sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., versuchte die bis dahin herrschende Toleranz einzuschränken und die weitere Ausbreitung des aufklärerischen Gedankengutes zu verhindern. Ein wichtiger Teil der Ausstellung ist Kants Auseinandersetzung mit der sich verschärfenden Zensur gewidmet. Am 9. Juli 1788 erließ der neue König ein Religionsedikt, das der religiösen Toleranz engere Grenzen zog. Im Dezember desselben Jahres erwirkte er ein "Erneuertes Censur-Edict für die Preußischen Staaten exclusive Schlesien", da dem König die Wirkung des ersten Edikts zu gering erschienen war. Beide Edikte sind in der Ausstellung dokumentiert.

Welche Hoffnung freidenkende Geister damals noch in Kant setzten, ist in der Kopie eines Briefes aus der Morgensternschen Briefsammlung dokumentiert, den der Rigaer Kaufmann Johann Christoph Berens im Oktober 1788 an seinen Freund Kant geschrieben hat: "Aber in Sonderheit sind sie der Mann, der uns das Kleynod der Denckfreyheit bewahren müsste, wenn sie angefochten werden dürfte. Der vormalige Ministre de la parole de Dieu hat als jetziger Relligions Minister in Politick gefuschert." Gemeint war der 1788 von Friedrich Wilhelm II. zum wirklichen Geheimen Staats- und Justizminister berufene Johann Christoph Wöllner, der auch für das geistliche Departement verantwortlich war. Er hatte das Religionsedikt ausgearbeitet.

Spitzel in den Vorlesungen

Eine Folge der neuen kleingeistigen Zensur war die polizeiliche Beobachtung auch einzelner Lehrveranstaltungen. Der Berliner Philosophieprofessor Johann Gottfried Carl Christian Kiesewetter, ein Schüler Kants, schreibt 1789 an seinen einstigen Lehrer, man habe ihn vor Spitzeln in seinen Vorlesungen gewarnt und ihm geraten, seine Hörer daran "zu erinnern, die kantische Philosophie sei dem Christenthum nicht zuwider". Kant selbst wurde 1794 im Auftrag des Königs von Minister Wöllner gerüffelt, die Lehren der Bibel missbraucht zu haben. Dabei ging es um eine Reihe religionsphilosophischer Aufsätze, von denen nur der erste gedruckt werden durfte. Der Herausgeber der Berlinischen Monatsschrift, Biester, wollte zwar die Zensur zumindest teilweise umgehen und hatte den Druckort seiner Monatsschrift nach Jena verlegt. Kant hatte jedoch darauf bestanden, dass seine Aufsätze der Zensur in Berlin vorgelegt werden sollten. Trotz Biesters Bemühen wurde die Druckerlaubnis nicht gewährt.

Die Zensur umgehen

Um die Zensur zu umgehen, gab es einen Trick: Für Professoren galt damals noch, dass sie vor einer Veröffentlichung nur die Genehmigung durch die Fakultät ihrer Universität einzuholen hatten. Deswegen ließ sich Kant von der Fakultät in Königsberg bestätigen, dass seine Schriften rein philosophischer Natur waren. Obwohl die Fakultät in Königsberg Kant die Zustimmung gegeben hatte, sollte die anschließende Veröffentlichung der Aufsätze zur Ostermesse 1793 unter dem Titel "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" und eine weitere Abhandlung über "Das Ende aller Dinge" das Missfallen des Königs erregen. Es folgte eine allerhöchste Maßregelung Kants - dokumentiert in der Ausstellung.

Erstmals öffentlich gezeigt wird Kants "Opus postumum" (1795 bis 1802), das die Staatsbibliothek im vergangenen Jahr erwerben konnte. Es sind die Arbeiten an einem abschließenden Buch, in dem er die Lösung eines nach seinen Hauptwerken noch offen geblieben Problems darstellen wollte. Diese nachgelassenen Texte - teils bereits fertige, gestochen geschriebene Abhandlungen und Aufsätze, teils hingeworfenen Notizen - gehören, wie der Philosophieprofessor an der Humboldt-Universität und Mitorganisator des Kantkongresses, Volker Gerhardt, im Sommer 1999 schrieb, "zu den wertvollsten Hinterlassenschaften der jüngeren Philosophiegeschichte".

Die Ausstellung wird vom 29. März bis 13. Mai 2000 im Ausstellungsraum des Scharounbaus in der Potsdamer Straße 33, Berlin-Tiergarten gezeigt. Öffnungszeiten: Mo-Fr 10 bis 20 Uhr, Sa 10 bis 19 Uhr; sonn- und feiertags, sowie am 22.4. (Karsamstag) bleibt die Ausstellung geschlossen. Der Eintritt ist frei. Zur Ausstellung erscheint ein BegleitbuchDie Eröffnung findet heute um 20 Uhr 15 Uhr im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek in der Potsdamer Str. 33 statt.

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