Gesundheit : Verkannte Helden

Eine Historikerin hat erstmals die Geschichte der DDR-Fluchthelfer aufgearbeitet

Elke Kimmel

Mit der Visa-Affäre ab Februar 2005 trat ein Berufsstand ins Rampenlicht, der ein schlechtes Image besitzt: die „Schleuser“. Teils hat dies mit ihrer Tätigkeit an sich zu tun – Menschen illegal zur Einreise nach Deutschland zu verhelfen – teils wird die skrupellose Weise, wie dies bewerkstelligt wird, verurteilt. Bilder von erstickten, erfrorenen oder ertrunkenen Menschen machen dies greifbar. „Schleuser“ nannten sich aber auch jene Helfer, die Juden nach 1933 bei der Flucht aus Deutschland unterstützten. Und zwischen 1961 und 1989 konnten viele DDR-Bürger nur mit ihrer Hilfe den ungeliebten Staat verlassen.

Denen, die den Ostdeutschen bei der Flucht halfen, widmet sich jetzt die Historikerin Marion Detjen in ihrem neuen Buch „Ein Loch in der Mauer“. Allein die Tatsache, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema erst 2005 stattfindet, ist bezeichnend. Die Flüchtlinge aus der DDR waren in der Bundesrepublik und West-Berlin meist willkommen – die, die ihnen halfen, galten als dubios.

Was bewegte die Autorin, sich mit dieser verdrängten Geschichte zu beschäftigen? Detjen störte die pauschale Verurteilung der organisierten Helfer, denen schon bald Geschäftemacherei vorgeworfen wurde: „Auch die kommerziellen Fluchthelfer haben die Grundlage ihres Handelns nicht geschaffen – das hat das Grenzregime der DDR.“ Jede Aktion, die sich gegen die Mauer richtete, sei grundsätzlich legitim, sagt Detjen. Die meisten „Schleuser“ hätten für einen erfolgreichen Fluchtverlauf gesorgt; nur wenige Betrugsfälle seien bekannt geworden.

Der Rechtfertigungsdruck laste dennoch bis heute meistens auf den Fluchthelfern, sagt Detjen. Nicht selten leugnen sie noch heute die Zusammenarbeit mit „gewerblichen“ Fluchthilfeorganisationen. Der Fluchthelfer konnte scheinbar nur als Idealist oder Einzelkämpfer Anerkennung finden – obwohl eine unter diesen Vorzeichen vorbereitete Flucht möglicherweise gefährlicher für die Flüchtenden war.

Nach 1961 besaß die Fluchthilfe zunächst einen stabilen Rückhalt in der öffentlichen Meinung. Das Bild vom Fluchthelfer als Helden währte indes nur kurz. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR scheint bei diesem Meinungswandel eine maßgebliche Rolle gespielt zu haben. Detjen zeigt, dass das MfS nicht nur Spitzel in der Fluchthelferszene etabliert hatte, die größer angelegte Fluchten auffliegen ließen. Darüber hinaus hat das MfS wahrscheinlich auch verschiedene Zeitungsberichte in bundesrepublikanischen Medien lanciert.

Ab 1964/65 wandten sich verschiedene westdeutsche Medien gegen die Fluchthelfer. Ihnen wurden zunehmend unlautere Motive unterstellt. Immer öfter standen nun nicht mehr spektakuläre Fluchten im Zentrum der Berichterstattung, sondern unseriöse Praktiken der auf finanzielle Unterstützung angewiesenen Helfer. Dabei waren sie umso mehr auf Geld angewiesen, weil mit zunehmender Perfektionierung der Grenze auch die Kosten für deren illegale Überwindung anstiegen. Viele der „idealistischen“ studentischen Fluchthelfer zogen sich zurück. Sie konnten relativ unbeschadet ihre bürgerlichen Karrieren fortsetzen – im Gegensatz zu den Helfern aus dem nicht-akademischen Umfeld.

Die Fluchthilfe geriet jedoch nicht nur moralisch in die Kritik. Sie störte ab 1964 ganz erheblich bei den Versuchen, auf dem Wege der Annäherung Erleichterungen für die Menschen zu erreichen. Diese waren aber nur um den Preis der faktischen Anerkennung der DDR und ihrer Grenzen zu haben. Fluchthelfer gerieten unter diesen Vorzeichen – so sie nicht pauschal als kommerziell-kriminell denunziert wurden – auch politisch in Verruf.

Bereits kurz nach dem Mauerbau plante der Schriftsteller Uwe Johnson, die Arbeit von Fluchthelfern zu dokumentieren. Detjen wertete das Material Johnsons nun erstmals aus. Sie befragte ihrerseits intensiv Zeitzeugen und konnte so große Forschungslücken schließen. Schon darin, dass Zitate aus diesen Interviews einen großen Raum einnehmen, wird Detjens Sympathie für die Fluchthelfer deutlich. Sie bezieht mit ihrem Buch eindeutig Stellung gegen eine in den 1970er und 1980er Jahren in der Bundesrepublik verbreitete Stimmung, die Mauer als „Normalität“ zu akzeptieren. Die Fluchthelfer standen dieser Stimmung ebenso entgegen wie prinzipiell auch der Entspannungspolitik.

Zum Zusammenbruch der DDR haben indes vor allem der extreme Anstieg der Ausreiseanträge und die Botschaftsbesetzungen geführt. Der Beitrag der organisierten Fluchthilfe bleibt demgegenüber gering. Letztlich hat sie der DDR kaum Schaden zufügen können. Die DDR und das MfS aber haben den „Schleusern“ teilweise bis heute nachwirkende Verletzungen beigebracht. Gerade weil dies so ist, ist Detjens Darstellung der Fluchthilfe so wichtig.

Marion Detjen, Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961-1989, Siedler Verlag München 2005, 475 Seiten, zahlreiche Abb., 24,90 Euro.

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