Gesundheit : Verkrustet, verweht, versauert - Bauern müssen die Fruchtbarkeit der Erde erhalten

Heiko Schwarzburger

Über dem ostafrikanischen Hochland bleibt der Regen aus, die Sonne brennt das dürre Ackerland zur harten Kruste. In Indien sind einst fruchtbare Böden hoffnungslos versalzt, schon in wenigen Jahrzehnten droht dem Milliarden-Volk eine Hungerkatastrophe. Durch den Norden des brasilianischen Bundesstaates Rio de Janeiro fegen staubige Wanderdünen, wo einst üppiger Regenwald stand.

Solche Meldungen häufen sich in jüngster Zeit und sie machen auch vor Europa nicht halt: Nach dem Bodenschutzbericht der Europäischen Union sind knapp ein Fünftel der Böden unseres Kontinents mit giftigen Pestiziden verseucht. Ein weiteres Fünftel wird durch künstliche Nitrate und Phosphate aus Düngemitteln versauert, die dort angebauten Kulturen lassen sich nur noch verfüttern. Versalzung und Erosion eingerechnet, gelten drei Viertel der Böden Europas als gefährdet.

"Um die Böden zu entlasten, brauchen wir schonende Verfahren der landwirtschaftlichen Nutzung", fordert Wilfried Hübner, Experte für Bodenschutz an der landwirtschaftlich-gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität. "Wir müssen die natürliche Struktur des Bodens erhalten, ohne dass die Erträge sinken."

Das ist wissenschaftliches Neuland, denn über Jahrzehnte haben panzerschwere Landmaschinen die Böden verdichtet. Kaum eine Wurzel kann noch tief greifen, auf den Äckern staut sich im Frühjahr und im Herbst die Nässe. "Das beobachten wir vor allem in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern aber auch in Sachsen", berichtet Hübner. "Wind und Wasser können die schutzlosen Flächen ungehindert abtragen." In ganz Deutschland sind 2,4 Millionen Hektar bestes Ackerland von der Erosion betroffen, pro Hektar werden jährlich zwei Tonnen Ackerkrume verweht oder weg gespült. Zum Vergleich: Auf Flächen mit ganzjährig geschlossener Pflanzendecke, die nur vorsichtig mit leichtem Gerät bearbeitet werden, sinkt dieser Wert auf eine halbe Tonne.

Die Berliner Wissenschaftler setzen bei ihren Konzepten ganz auf die konservierende Bodenbearbeitung. Sie wollen das natürliche Zusammenspiel der Organismen, Nährstoffe und des Wassers im Boden stärken. Bodenfräsen, Pflüge oder Eggen, die tief in das Erdreich eindringen und die komplexe Struktur der Krume zerstören, gehören der Vergangenheit an. Bislang brechen die meisten Bauern im Frühjahr die Böden auf, um die obere Schicht für die Aussaat zu lockern.

Geschickte Fruchtfolgen helfen

Doch das Frühjahr ist die Zeit der Schneeschmelze und starker Niederschläge, der Boden wird weg geschlämmt. Zugleich wäscht der Regen die losen, fruchtbaren Bestandteile des Bodens in tiefere Schichten. Auf den Äckern im Biosphären-Reservat Schorfheide-Chorin nördlich von Berlin regten die Forscher an, die neuen Saaten direkt auf die Stoppeln des Vorjahres auszubringen, ohne die Böden vorher zu lockern. Geschickte Fruchtfolgen über Jahre verhindern, dass die Böden durch Monokulturen auslaugen.

"Der wichtigste Gewinn ist, dass sie nicht weiter verdichtet werden", erklärt Wilfried Hübner. "Es stellt sich eine natürliche Lockerung ein." Im Boden nahm die Vielfalt der Mikroben und Organismen zu. Regenwürmer vermehrten sich und sorgen nun für die Poren, ihr Kot fördert die Bildung fruchtbarer Klümpchen im Boden. Die filzige Pflanzendecke und die Wurzeln abgestorbener Pflanzen schützen den Boden vor Auswaschung durch Regen.

Landarbeit ohne Pflug

Das Konzept geht langfristig auf: ein großer landwirtschaftlicher Betrieb in Schmargendorf bearbeitet seine 800 Hektar nunmehr seit fast zehn Jahren ohne Pflug. "Mit mindestens gleichen Erträgen wie vorher, bei deutlich weniger Aufwand an Maschinen, Energie und Kunstdünger", weiß Wilfried Hübner. "Sonst hätten wir die Bauern niemals überzeugt."

Dabei ist der Trick der Forscher nicht neu: die großflächige Bearbeitung der Felder mit schweren Pflügen wird in Mitteleuropa seit 200 Jahren praktiziert. Zuvor kamen die Bauern mehr als 10 000 Jahre lang ohne die stählernen Ungetüme aus. Ihre Holzpflüge kratzten nur an der Oberfläche. Die Agrarwissenschaftler der Humboldt-Universität sehen ihre Aufgabe aber nicht nur darin, die Fruchtbarkeit von Ackerböden zu erhalten.

Am Stadtrand von Berlin erstrecken sich 12 000 Hektar ehemalige Rieselfelder, die als totes Terrain gelten. Dorthin wurde 100 Jahre lang die Abwässer der Haushalte und Fabriken verbracht, bevor man Kläranlagen errichtete. Heute sind diese Flächen mit Cadmium, Blei, Kupfer, Zink, Sulfaten und Nitraten stark vergiftet, kaum ein Gehölz kann sich dort halten. "Die jungen Bäume wachsen zwar bis zu einer bestimmten Höhe, aber dann sterben sie einfach ab", erläutert Wilfried Hübner seine Beobachtungen. "Die Aufforstung Ende der 80er Jahre ist fehl geschlagen." Die Schwermetalle bedrohen auch das Grundwasser.

Auf einer Fläche von zwölf Hektar erprobten die Forscher bei Buch ein Verfahren, bei dem frischer Aushub aus dem Bau von U-Bahnen in der Hauptstadt auf die Rieselfelder aufgebracht und anschließend bis 80 Zentimeter tief eingefräst wird. "Die U-Bahn-Tunnel reichen in Schichten eines fruchtbaren Geschiebelehms, der dort seit 15 000 Jahren unbehelligt ruht", berichtet Hübner. "Diese Erde ist ganz sauber und von Schadstoffen kaum belastet." Insgesamt 50 000 Kubikmeter frischer Lehm wurden auf den Rieselfeldern bei Buch unterpflügt, die Experimente laufen noch.

Doch bereits in kurzer Zeit breiteten sich zahlreiche Wildpflanzenarten aus. Die Versuche lassen sich viel versprechend an: kleine Baumgruppen sind auf dem besten Wege, sich zu Wäldchen zu vereinigen. Da die neu gebildete, dichte Pflanzendecke das Wasser im Boden hält, sinkt auch die Gefährdung des Grundwassers.

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